Die TNO-Studie zu Befindlichkeitsstörungen durch UMTS-Mobilfunkanlagen (2003)

 
Hierzu eine Zusammenfassung aus dem Zwischenbericht des Projektes Untersuchungen an Probanden unter Exposition mit hochfrequenten elektromagnetischen Feldern von Mobiltelefonen im Rahmen des Deutschen Mobilfunk-Forschungsprogramms (Auszug):

Von der Niederländischen Organisation für Angewandte Naturwissenschaften (TNO) wurde eine doppelblinde, randomisierte dreifach crossover Studie zum Einfluss elektromagnetischer Felder auf das Wohlbefinden und kognitive Funktionen durchgeführt (Zwamborn et al. 2003). Untersucht wurden zwei Gruppen von Personen mit einem jeweiligen Stichprobenumfang von n=36. Die eine Gruppe setzte sich aus Personen (11 Männer und 25 Frauen im Alter von 31 bis 74 Jahren, Mittelwert 55,7 Jahre) zusammen, die subjektiv unter Beschwerden litten, die sie auf eine GSM-Exposition zurückführten. Diese Gruppe wurde über das in den Niederlanden etablierte Monitoring Network for Environmental Health rekrutiert, einer non-profit Organisation, bei der sich landesweit Personen melden können, die über Beschwerden klagen, welche sie auf Umweltfaktoren zurückführen. Die andere Gruppe umfasste 22 Männer und 14 Frauen im Alter von 18 bis 72 Jahren (Mittelwert: 46,6 Jahre) ohne entsprechende Symptomatik. D.h. die Vergleichsstichproben unterscheiden sich hinsichtlich der Zusammensetzung nach Alter und Geschlecht. Verglichen wurden vier Versuchsbedingungen: GSM 900 MHz, GSM 1800 MHz, UMTS 2100 MHz und Scheinexposition, wobei Signale von Mobilfunkbasisstationen simuliert wurden. Bei den GSM-Signalen wurden vier aufeinanderfolgende Zeitschlitze belegt, dies bedeutet ein Tastverhältnis von 50%. Die Spitzenfeldstärke wurde in den Bedingungen mit Exposition zu 1 V/m gewählt.

Es wurden computerbasierte kognitive Tests zu Reaktionszeiten, zum Erinnerungsvermögen, zur visuellen Aufmerksamkeit und zum Dual-Tasking (allgemeine Reaktionszeit und Filtern relevanter Informationen) durchgeführt. Darüber hinaus wurden zwei Fragebögen zum Persönlichkeitsprofil und einer zum Wohlbefinden eingesetzt. Die Dauer der kognitiven Tests betrug 20 Minuten, das Ausfüllen des Fragebogens zum Wohlbefinden dauerte 10 Minuten, ebenso das nur einmalig erfolgte Ausfüllen des Fragebogens zum Persönlichkeitsprofil. Vor Beginn der Versuchsdurchführung mit randomisierter Exposition gab es eine Trainingssitzung mit allen Tests (inklusive Persönlichkeitsfragebogen). Im folgenden wurde jeder Teilnehmer unter drei der insgesamt vier experimentellen Bedingungen untersucht. In jedem Fall zählte zu den drei Bedingungen die Scheinexposition sowie zwei von drei Bedingungen mit tatsächlicher Exposition. Dieses Vorgehen wurde mit zeitlichen Beschränkungen begründet. Alle Tests (inklusive der Trainingssitzung) fanden an einem Tag statt (je 50% vormittags und nachmittags), wobei zwischen den insgesamt 30 Minuten dauernden Experimentalbedingungen jeweils eine 30 minütige „wash-out“-Phase vorgesehen war. Daraus resultiert eine Gesamtdauer für die Versuchsdurchgänge von 3 Stunden und 40 Minuten. Durch dieses Versuchsdesign reduzierte sich die Stichprobengröße unter realen Expositionsbedingungen auf n=24 im Vergleich zur Scheinexposition mit n=36. Die mittels gut dokumentierter Fallzahlplanung ermittelte Stichprobengröße bei einer zweiseitigen Irrtumswahrscheinlichkeit < 5% und einer Power von 0.8 von n=28 wurde damit in drei der vier Gruppen unterschritten.

Bei simultaner Betrachtung aller vier Gruppen ließen sich für keine der Zielvariablen statistisch signifikante Unterschiede beobachten. Diese Ergebnisse finden sich jedoch leider nur als Fußnoten in den entsprechenden Tabellen mit den Resultaten von a posterior durchgeführten paarweisen Vergleichen, wobei bei den paarweisen Vergleichen keine Bonferroni-Korrektur der Irrtumswahrscheinlichkeit vorgenommen wurde. Während sich für beide untersuchten Probandengruppen im Wohlbefinden keine Unterschiede zwischen der Scheinexposition und den GSM-Expositionen beobachten ließen, waren beim Vergleich UMTS und Scheinexposition bei Personen mit subjektiv empfundener Elektrosensibilität in allen Teilscores des Fragebogens sowie im Summenscore statistisch signifikante Unterschiede zu beobachten. Für die Referenzgruppe konnte ein entsprechender Unterschied im Gesamtscore sowie für einen der fünf Teilscores beobachtet werden. Im Hinblick auf die kognitiven Leistungen und das Erinnerungsvermögen waren die Ergebnisse heterogener. Insgesamt ließen sich bei der Referenzgruppe mehr statistisch signifikante Ergebnisse (fünf) beobachten als für die Gruppe der Personen mit Elektrosensibilität (drei). Das für die Autoren überraschendste Ergebnis war der für UMTS-Exposition in beiden Gruppen beobachtete Unterschied zur Scheinexposition im Wohlbefinden. Insgesamt waren die Unterschiede klein und bedürfen einer Replikation. Für die kognitiven Tests wurden zwar mehr statistisch signifikante Ergebnisse beobachtet als zufallsbedingt zu erwarten waren, sie sind inhaltlich jedoch schwer zu interpretieren.

Mehr Information::
Effects of Global Communication system radio-frequency fields on Well Being and Cognitive Functions of human subjects with and without compliants
Das ist die 89-seitige Studie des TNO (pdf, 1.9 MB)
Report des Holländischen Gesundheitsrats
In dieser Zusammenfassung aus dem Jahr 2004 werden auch zwischenzeitlich aufgekommene Fragen angesprochen (pdf, 427 kB).
Zusammenfassung der Studie im EMF-Portal

 

Dazu lesenswert:
Befindlichkeitsstörungen durch Mobilfunk-Basisstationen?
Eine Übersicht weiterer Studien zu diesem Thema
Schweizer Nachfolgestudie zur TNO-Studie (2006)
Studie aus Dänemark (2008): Einfluss von UMTS-Basisstationssignalen auf die Hirnleistung und das Wohlbefinden
 

 
 Weiterhin noch die
Zusammenfassung aus der Literaturdatenbank ELMAR des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Basel:

Ziel:
Zu untersuchen, ob ein Zusammenhang zwischen der Exposition gegenüber GSM- oder UMTS-ähnlichen elektromagnetischen Feldern und dem Auftreten von subjektiven Beschwerden besteht, und ob kognitive Funktionen durch die Exposition beeinflusst werden.

Kollektiv:
Zwei Gruppen von Teilnehmern: Gruppe A: 36 Personen, die Beschwerden im Zusammenhang mit elektromagnetischen Feldern angaben und sich beim "Monitoring Network for Environmental Health" gemeldet hatten. Gruppe B: 36 beschwerdefreie Personen, die per Internet- oder Zeitungsinserat akquiriert wurden.

 

Exposition:
Es wurden vier Expositionsarten untersucht: a) GSM 900 MHz, b) GSM 1800 MHz, c) UMTS-ähnlich 2100 MHz, d) Scheinexposition. Maximale Feldstärke: 1 V/m. Spezifische Absorptionsrate (SAR) für 2100 MHz: maximal: 0,064 mW/kg, gemittelt über 10 g Gewebe: 0,078 mW/kg. Maximale SAR über 10 g für das 900- bzw. 1800-MHz-Signal: 0.045 mW/kg bzw. 0.082 mW/kg.

 

Methode:
Plazebokontrollierte Doppelblindstudie, dreifaches Cross-over-Design. Jede Versuchsperson absolvierte eine Trainingssitzung mit allen kognitiven Tests zu Reaktionszeit, Erinnerungsvermögen, visueller Aufmerksamkeit und Dual-Tasking (Taskomat-Test). Danach folgten drei Sitzungen mit zwei realen Expositionen und einer Scheinexposition in randomisierter Reihenfolge. Dadurch lagen für jede reale Exposition Daten von 24 Probanden vor und für die Scheinexposition von 36 Personen. Während jeder Exposition wurden die kognitiven Funktionstests durchgeführt. Vor der Trainingssitzung füllten die Teilnehmer einen psychologischen Fragebogen aus (Big-Five) und nach jedem Taskomat-Test einen Fragebogen zum Wohlbefinden. Die Gesamtdauer des Versuchs betrug ungefähr 2,5 Stunden. Die Stichprobengrösse wurde auf 28 Personen pro Studiengruppe berechnet (5% Unterschied, alpha: 0.05, Power: 80%). Die statistischen Analysen erfolgten mittels Varianzanalyse (ANOVA), nichtparametrischem Mann-Whitney-U-Test (Wilcoxon), Vorzeichen-Rang-Test und Cochran-Mantel-Haenszel-Test.

 

Resultate:
Die Ergebnisse zeigen in beiden Personengruppen eine statistisch signifikante Assoziation zwischen der Exposition gegenüber UMTS-ähnlichen Feldern (Feldstärke: 1 V/m) und einer Beeinträchtigung des subjektiven Wohlbefindens. Die Dimension der beobachteten Unterschiede ist relativ klein. Für die GSM-Expositionen (900 und 1800 MHz) zeigte sich hinsichtlich Wohlbefinden kein signifikanter Unterschied zwischen realer Exposition und Scheinexposition. Von den 30 Tests zur kognitiven Funktion ergaben sich bei acht Tests signifikante Unterschiede zwischen realer Exposition und Scheinexposition, teilweise handelte es sich um eine Verbesserung der kognitiven Leistung. In Gruppe A zeigten sich zwei signifikante Unterschiede bei GSM 900 und ein signifikanter Unterschied beim UMTS-ähnlichen Signal. In Gruppe B waren bei Exposition gegenüber dem GSM-1800-Feld zwei Testergebnisse signifikant verschieden und drei beim UMTS-ähnlichen Signal.

 

Schlussfolgerung:
Die Resultate weisen auf einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Exposition gegenüber UMTS-ähnlichen Hochfrequenzfeldern mit einer Feldstärke von 1 V/m und dem Wohlbefinden hin. Ein direkter Vergleich der beiden Studiengruppen (A und B) ist auf Grund ihrer unterschiedlichen demographischen Struktur und wegen des Selektionsverfahrens nicht zulässig. Der Fragebogen zum Wohlbefinden (gekürzte Version eines bereits bestehenden) ist noch nicht validiert worden. Es erscheint unwahrscheinlich, dass die statistisch signifikanten Unterschiede bei den acht kognitiven Funktionstests durch Zufall entstanden sind. Eine Hypothese zur Entstehung dieser Effekte kann aus den Ergebnissen nicht abgeleitet werden, thermische Auswirkungen sind aber nicht anzunehmen. Weitere Studien notwendig, um die beobachteten Unterschiede zu verifizieren.

 

Bemerkung:
Es wurde kritisiert, dass 36 Personen mit Scheinexposition und 24 Personen mit realer Exposition verglichen wurden. Die daraufhin erneut durchgeführte Analyse ergab bei den kognitiven Funktionstests in Gruppe B eine statistische Signifikanz weniger als vorher, alle anderen signifikanten Unterschiede blieben bestehen. Nach einer nochmaligen Auswertung mit Korrektur für multiple Expositionen zeigte sich nur noch in einem Kurzzeitgedächtnistest ("memory comparison test") ein signifikanter Unterschied zwischen UMTS-Exposition und Scheinexposition in Gruppe B, die übrigen Differenzen waren nicht mehr signifikant (Publikation Nr. 2004/13, Health Council of the Netherlands, The Hague, www.gezondheidsraad.nl). Bezüglich Expositionssituation ist diese Studie bisher einzigartig, da sie mit einem Doppelblindverfahren eine niedrig dosierte Ganzkörperbefeldung untersucht hat. Um eventuelle Artefakte ausschliessen zu können (z.B. Wahrnehmbarkeit des Expositionsstatus), sind Replikationsstudien notwendig.

 

 

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Zuletzt geändert: 09.08.08