Elektrosensitivität und -sensibilität

 
Unter den Begriffen "Elektrosensitivität" oder "Elektrosensibilität", manchmal auch "Hypersensibilität" genannt, bezeichnet man im deutschen Sprachgebrauch eine besondere Empfindsamkeit oder Anfälligkeit gegenüber elektrischen, magnetischen oder elektromagnetischen Feldern.

Definitionen
Beschreibung
Krankheit und Elektrosmog: Was soll der Arzt tun?
Politische Anerkennung der Elektrosensibilität
Studien zur Elektrosensibilität
Weitere Literatur

 

Definitionen

Im Einzelnen verbinden sich mit "Elektrosensitivität" und "Elektrosensibilität" folgende unterschiedlichen Bedeutungen (nach Prof. Leitgeb):

Dabei werden die Begriffe "Elektrosensitivität" und "Elektrosensibilität" sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Fachliteratur in unterschiedlicher Weise diesen verschiedenen Bedeutungen zugeordnet, was die Gefahr von Missverständnissen erhöht.

So schlägt z. B. Prof. Leitgeb folgende Zuordnung vor:

wogegen Prof. Frentzel-Beyme folgendermassen definiert:

Im öffentlichen Sprachgebrauch wird mit "Elektrosensibilität" überwiegend die persönliche Empfindung gesundheitlicher Beschwerden durch schwache elektromagnetische Felder verstanden. Für den internationalen Sprachgebrauch wurde von der WHO die Verwendung des Begriffs "Electromagnetic Hypersensitivity" (EHS) vorgeschlagen.

 

Beschreibung

Wissenschaftlich gut bestätigt ist, dass es bei Menschen eine große Spannbreite in der Empfindlichkeit für elektromagnetische Felder gibt, und dass bestimmte Menschen besonders leicht auf elektromagnetische Felder reagieren, d.h. sie können solche Felder schon bei Feldstärken wahrnehmen, die für die meisten Menschen noch nicht wahrnehmbar sind. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (1993) können etwa 5% der Bevölkerung elektrische Felder wahrnehmen, die nur ein Drittel der Feldstärke haben, bei der die „normale“ Bevölkerung diese Felder wahrnehmen kann.
Experimentelle Untersuchungen haben außerdem gezeigt, dass Frauen im Vergleich zu Männern offenbar eine um etwa 30% geringere Wahrnehmungsschwelle für elektromagnetische Felder haben.
In verschiedenen Untersuchungen wurde jedoch ebenso deutlich, daß Personen, die sich selbst als empfindlich einschätzen, elektromagnetische Felder nicht unbedingt besser wahrnehmen können als nicht-empfindliche Personen. Das heißt, die eigene Einschätzung, man sei elektrosensitiv bzw. -sensibel, hat nur wenig mit einer tatsächlichen Elektrosensitivität bzw. -sensibilität zu tun.

Bei dem Anteil der sich durch elektromagnetische Felder beeinträchtigt Fühlenden sprechen Schätzungen von maximal 2% der Bevölkerung, wovon sich ca. 10% mit gravierenden Problemen konfrontiert sehen.
Dabei geht es vor allem um Beschwerden wie Kopfschmerz, Magen- und Atembeschwerden, Herzbeschwerden, Schwindelgefühle, Kreuz- und Rückenschmerzen, Müdigkeit oder sexuelle Funktionsstörungen. Oftmals sollen die Probleme auch erst nach längerer Einwirkdauer der elektromagnetischen Felder auftreten.
Es ist davon auszugehen, daß elektrische und magnetische Felder nicht die alleinigen Ursachen für solche Probleme sein müssen. Faktoren wie Stress, Lärm, Krankheiten, Chemikalien in Baustoffen und Einrichtungsgegenständen etc. spielen ebenso eine Rolle. Vermutlich ist eine tatsächliche Überempfindlichkeit die Reaktion auf verschiedenste, gleichzeitig auftretende Umweltbelastungen.
Bei Studien wurde festgestellt, daß viele der Betroffenen gleichzeitig an Allergien leiden und teilweise überhöhte Werte von schädlichen Stoffen wie Quecksilber oder Formaldehyd aufwiesen. Bei einigen traten die Probleme nach Zahnersatz- oder Prothesenproblemen auf, wobei bei anderen sich die Beschwerden nach einer Amalgamsanierung besserten.
Zudem zeigen die Ergebnisse schwedischer Studien, dass mit Psychotherapie bei bis zu 70% der Betroffenen eine wesentliche Besserung der Lebensqualität erreicht werden konnte. Dennoch scheidet bei vielen eine hypochondrische Tendenz aus, was in Tests nachgewiesen wurde.

Es gibt bisher jedoch vergleichsweise wenig Untersuchungen (siehe unten), die sich dieses Problems angenommen haben und auf deren Basis steht eine wissenschaftliche Bestätigung der These der elektromagnetischen Felder als Ursache noch aus. Ebenso sieht sich die heutige Schulmedizin noch nicht zu einer Lösung der erwähnten Probleme instande.

Möglicherweise gibt es auch Querverbindungen zu anderen umweltmedizinischen Krankheitsbildern, wie etwa dem Sick-Building-Syndrom (SBS) oder die Multiple-Chemical-Sensitivity (MCS), welche ebenso noch nicht abschließend erforscht sind und wie das Phänomen "Elektrosensitivität" bzw. "Elektrosensibilität" unter teilweise fragwürdigen Diagnose- bzw. Therapieversuchen leiden.

Eines der Modelle zur Charakterisierung Elektrosensibler besagt aber auch, dass es sich hierbei oft um sogenannte "Medien-Sensiblen" handeln kann. Darunter versteht man Personen, die sich durch verschiedenste Zeitungs-, Rundfunk- und Fernsehmeldungen über elektromagnetische Felder und ihre wirklichen oder vermeintlichen biologischen Wirkungen derart verunsichern lassen, daß sie solche Krankheitserscheinungen wie oben beschrieben bekommen.
Ganz unabhängig von den tatsächlichen Ursachen sind jedoch auch solche Beschwerden ernstzunehmen und bedürfen der Behandlung.

 

Krankheit und Elektrosmog: Was soll der Arzt tun?

Auszug aus: "Experten - orientierungslos im Antennenwald" aus der Online-Ausgabe der Ärzte Zeitung vom 31.05.2001

Professor Dr. Heyo Eckel:

"Es gilt, die Bedenken, Sorgen und Ängste der Patientinnen und Patienten gegenüber möglichen Gesundheitsgefahren durch Handy-Gebrauch und/oder durch Expositionen durch Mobilfunkbasisstationen sehr ernst zu nehmen. Wenn auch die Wirkungszusammenhänge von gepulster HF-Strahlung und der Ausbildung von Krankheiten bis hin zu Krebs wissenschaftlich (noch) nicht objektiviert sind, sollten in der Sprechstunde geschilderte Befindlichkeitsstörungen, deren Ursache der Patient auf "Elektrosmog" zurückführt, nicht als Unfug abgetan werden. Allein schon die so belastete Psyche des Patienten kann bereits zu Symptomen führen.

Die Verantwortung des Arztes liegt darin, ein vernünftiges Maß zwischen Sorglosigkeit und Verharmlosung einerseits sowie einer ebenso wenig angebrachten Hysterie zu finden. Durch eine geschickte Risikokommunikation, die den aktuellen Kenntnisstand über thermische und athermische Konsequenzen der Technik berücksichtigt, sollte eine vernunftbezogene Auseinandersetzung mit dem "Leiden" angestrebt werden.

Selbstverständlich müssen die geschilderten Befindlichkeitsstörungen auch auf andere mögliche organische und/oder psychosomatische Ursachen hin untersucht werden.

Die Diagnose eines eigenständigen Krankheitsbildes Elektrosensibilität ist allerdings, da wissenschaftlich nicht gesichert, zu unterlassen.

Zu den häufig genannten und dokumentierten Gesundheitsstörungen, die Patienten mit "Elektrosmog" in Verbindung bringen, zählen:

  • Nervosität, Unruhezustände,
  • Kopfschmerzen,
  • Herz-/Kreislaufprobleme,
  • Stechen in der Herzgegend,
  • Tinnitus ähnliche Beschwerden,
  • Augenschmerzen, Nachlassen der Sehkraft,
  • Bluthochdruck,
  • (extreme) Schlafstörungen und nächtliche Schweißausbrüche."

Professor Dr. Heyo Eckel ist Präsident der Ärztekammer Niedersachsen und Vorsitzender des Ausschusses Gesundheit und Umwelt der Bundesärztekammer

Einen umfangreichen Artikel zur Thematik "Arzt und Elektrosensibilität" findet man in der Ausgabe 2/07 der Fachzeitschrift "Oekoskop", des Magazins des schweizerischen Vereins der Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz:

Was mache ich mit "Elektrosmog-Patientinnen" in der Hausarzt-Praxis? (Gesamtes Heft, 926 KB)

 

Politische Anerkennung der Elektrosensibilität

Unter Berücksichtigung der bisher mangelnden wissenschaftlachen Beweislage bezüglich des Zusammenhangs von elektromagnetischen Feldern mit den von "Elektrosensiblen" genannten Beschwerden fehlt es auch an politischer Anerkennung ihrer Leiden. Allerdings gibt es in manchen Ländern unterschiedliche Annäherungsversuche in diese Richtung, wobei besonders das Beispiel Schwedens einerseits hervorsticht, andererseits auch immer wieder Missverständnisse hervorruft. Mit diesen räumt die Antwort auf eine entsprechende Parlamentarische Anfrage an die Europäische Kommission vom Mai 2009 entsprechend auf (Auszug):

Fragen 3 und 4 der Anfrage:
Was hält die Kommission von Bestrebungen, für elektrosensible Menschen sogenannte Strahlenschutzgebiete einzurichten, wie dies beispielsweise in Schweden der Fall ist?
Wie beurteilt die Kommission das schwedische Vorgehen, Elektrosensibilität als Behinderung anzuerkennen?

Antworten :
Der Kommission liegen keine Informationen vor, dass Länder Strahlenschutzgebiete einrichten, die frei von menschenverursachter elektromagnetischer Strahlung sind.
Im Falle Schwedens ist das Swedish National Board of Health and Welfare (NBHW — Schwedisches Zentralamt für Gesundheitswesen und Sozialfürsorge) die Behörde, die Behindertenvertretungsorganisationen finanzielle Unterstützung gewähren kann. Die schwedischen Behörden verstehen darunter Organisationen, deren Mitglieder (zumindest mehrheitlich) im täglichen Leben aufgrund einer Behinderung erhebliche Schwierigkeiten haben. Daher trifft das NBHW seine Entscheidungen auf der Grundlage einer tatsächlichen Behinderung der betroffenen Personen und nicht auf der Grundlage einer bekannten Ursache dieser Behinderung.
Dem Schwedischen Verband elektrosensibler Menschen wurde als Behindertenorganisation finanzielle Unterstützung gewährt. Dies wird zuweilen so missverstanden, als sei elektromagnetische Überempfindlichkeit in Schweden eine anerkannte medizinische Diagnose.


 

 

Studien zur Elektrosensibilität

Psychologische Aspekte bei Elektrosensibilität: Ein Überblick über die Forschung
Ein Beitrag aus dem EMF-Monitor des Ecolog-Instituts 4/2008 (758KB)
 
Sowie diese beiden eigenen Seiten: Studien zur Elektrosensibilität
  Befindlichkeitsstörungen durch Mobilfunk-Basisstationen?

 

Weitere Literatur

Elektrosensibilität/Wohlbefinden/subjektive Beschwerden
Eine Informationsseite des EMF-Portals mit folgenden Kapiteln:
  1. Begrifflichkeiten
  2. Symptome
  3. Historie
  4. Verbreitung und betroffene Personengruppen
  5. Exkurs: Wirkungen elektromagnetischer Felder
  6. Diskutierte Wirkungsmechanismen
  7. Status im Gesundheitswesen
  8. Experimentelle Untersuchungen und ihre Schwierigkeiten
  9. Ergebnisse der bisher durchgeführten Studien
10. Elektrosensibilität und Mobilfunk - Bewertung durch nationale und internationale Institutionen
Details zu: Elektrosensivität und -sensibilität
Dieser Auszug aus dem Abschlussbericht eines Projektes des Deutschen Mobilfunk-Foschungsprogramms bringt eine Übersicht zu folgenden Themen:
  - Verbreitung des Beschwerdebildes „Elektrosensibilität“
  - Elektrosensibilität im Vergleich zu anderen Umwelterkrankungen
  - Was weiß man über die Ursachen?
Elektromagnetische Felder und öffentliche Gesundheit - Elektromagnetische Hypersensitivität (Elektrosensibilität)
Eine Stellungnahme (Fact sheet N°296) der Weltgesundheitsorganisation vom Dezember 2005, sie beruht auf den Ergebnissen eines Workshops im Oktober 2004 in Prag (394 KB)
Electrohypersensitivity (EHS) in the Netherlands
Die niederländische Organisation "von und für Elektrosensible" Stichting EHS veröffentlichte auf dieser Seite Ende 2008 das Ergebnis ihrer über drei Jahre gelaufenen Fragebogenaktion. Die Auswertung der Antworten der insgesamt 250 teilnehmenden "Elektrosensiblen" sowie zugehöriger weiterer Untersuchungen lassen die Organisation zum Schluß kommen, dass die Thematik komplexer ist, als es manche gerne darstellen bzw. sehen möchten, wie etwa in einer Fixierung auf einen bestimmten Verursacher.
Elektrosensibilität
Eine Beschreibung von Prof. Dipl.-Ing. Dr. Norbert Leitgeb (40 KB)

Elektrosensibilität/Elektrosensitivität - ein Stresssyndrom?
Ein Beitrag von Dr. Birgit Stöcker, Verein für Elektrosensible e. V. (München) und Dipl. Ing. Regina Reichardt, Forschungsgemeinschaft Funk (FGF, Bonn) , als Auszug aus dem Newsletter 2/2005 der FGF (4 Seiten, 70 kB)

 

 

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Zuletzt geändert: 19.02.11