Verdient Salfords neue Studie die große Beachtung in den Medien?
Frank Gollnick,
Helmut Franke,
Sheila Johnston
In einer vielbeachteten, weil alarmierend erscheinenden neuen Studie
von Leif Salford und seiner Arbeitsgruppe aus Lund (Schweden) wird der
Einfluss von Mobilfunkstrahlung auf die Ausbildung sogenannter ,,Dark
Neurons" (DN, ,,dunkle Nervenzellen") im Zusammenhang mit dem Auftreten
von mikroskopisch kleinen Leckstellen für Eiweiße im Gehirn beschrieben.
Zwei renommierte Wissenschaftler haben sich diese zunächst nur online
veröffentlichte Publikation genauer angesehen und ihre Stellungnahmen
der FGF zur Verfügung gestellt. Der vorliegende Artikel gibt die Meinungen
von Dr. Sheila Johnston (Gutachterin für Neurowissenschaften, London)
und Dr. Helmut Franke (Klinik und Poliklinik für Neurologie, Münster)
zusammengefasst wieder.
In der Veröffentlichung ,,Nerve cell damage in mammalian brain after
exposure to microwaves from GSM mobile phones" (,,Schädigung von Nervenzellen
im Gehirn von Säugetieren nach der Exposition in Mikrowellen aus GSM Mobiltelefonen",
Salford et al., 2003) werden die oben genannten Schäden durch den Einfluss
von Mobilfunkfeldern unbekannter Frequenz (genannt wird nur der GSM-Standard)
und einer Stärke von 0,24-2,4 W/m², entsprechend 2-200 mW/kg, beschrieben.
Die Publikation basiert auf einem einzigen Experiment, welches weder
wiederholt noch reproduziert wurde. Bei einer für solche Untersuchungen
sehr geringen Individuenzahl von 32 Ratten (davon je 8 in insgesamt 4
Gruppen) wurden erst 50 Tage nach der Exposition in einem Mobilfunkfeld
an Hirnschnitten dieser Ratten im Labor zwei verschiedene Färbungen gemacht.
Diese sollen einen Beweis der Gehirnschäden liefern:
- zum einen eine Anfärbung von unerwünscht (also pathologisch) durch
die Blut Hirn-Schranke hindurch gelangtem Eiweiß mit Hilfe von Eiweiß-spezifischen
Antikörpern (die Blut-Hirn-Schranke lässt normalerweise, also im gesunden
Zustand, schädliche Substanzen und auch Eiweißstoffe nicht aus den Blutgefäßen
im Gehirn in das eigentliche Gehirngewebe hinübertreten; siehe auch:
Stögbauer, 2002),
- zum anderen wurde mit der zweiten Färbung ein weiterer pathologischer
Befund untersucht: die Ausbildung der erwähnten ,,Dark Neurons" (DN).
Diese werden in der Literatur als Nachweis vielfältiger Verletzungen
von Nervenzellen, verursacht durch verschiedene Arten mechanischer Einwirkung
und schädlicher Stoffwechselprozesse, beschrieben (Vohra et al., 2002).
Aus dieser Arbeit wörtlich übersetzt, heißt es: ,,DN [...] werden unter
so unterschiedlichen Bedingungen gebildet, dass die Gründe ihrer Entstehung
ein Geheimnis bleiben."
Im allgemeinen werden DN genauer als ,,argyrophile" Neuronen beschrieben,
wobei der Begriff ,,Argyrophilie" in der Medizin lediglich die dunkle
,,Gewebsanfärbbarkeit durch Silber mittels ammoniakalischer Silbernitrat-Lösung
mit nachfolgender Reduktion durch Formol, Tannin etc." bezeichnet (Roche
Lexikon Medizin, Ver. 3.5). Hierbei färbt der Mediziner üblicherweise
für bestimmte Nachweise z.B. spezielle Gewebeteile oder auch spezielle
Zellen an. Die von Salford et al. angewandte Färbemethode unterscheidet
sich hiervon darin, dass dort einerseits das Erbmaterial der Zellen (DNA,
RNA) angefärbt wird und andererseits ein anderer Farbstoff (Cresyl Violett)
verwendet wird. Dies ist wiederum üblich, um beschädigte Zellen (mit schadhafter,
d.h. löcheriger Zellhülle) von unbeschädigten zu unterscheiden. Das Ergebnis
wird hier aber ebenfalls ,,Dark Neurons" genannt.
Gallyas et al. (1992) beschreiben zahlreiche Ursachen für die Ausbildung
von DN. In dieser Publikation ist weiterhin das Erscheinungsbild der DN
unabhängig von deren Ursache. Selbst nach dem Tod auftretende Erschütterungen
des noch nicht präparierten Gehirns können für das Auftreten von DN verantwortlich
sein; diese sind aber nicht von solchen DN zu unterscheiden, die bereits
im lebenden Tier ausgebildet wurden.
Neben der nicht gänzlich auszuschließenden Entstehung von DN durch die
angewendeten Mobilfunkfelder bestehen also grundsätzlich mehrere andere
Möglichkeiten, die als Ursache für die Ausbildung der DN in Frage kommen.
Abgesehen von nach dem Tod auftretenden Erschütterungen werden andere
Ursachen von Salford und Kollegen aber weder in Betracht gezogen und diskutiert,
noch durch entsprechende Kontrollversuche ausgeschlossen.
Unverständlich ist, warum die Tiere nach der zweistündigen Exposition
im Feld erst nach Ablauf von weiteren 50 Tagen untersucht wurden. Dies
gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass Vohra et al. (2002) das Auftreten
von DN als bisher nicht näher aufgeklärtes Altersphänomen beschrei ben.
So zeigen ohne äußere Beeinflussung schon 6 Monate alte Ratten nahezu
die doppelte Anzahl an DN im Vergleich zu 3 Monate alten Tieren. Genau
diese Altersdifferenz weisen die von Salford et al. eingesetzten Ratten
aber schon zu Beginn des Experiments auf.
Weiterhin wurde für eine Publikation mit hohem wissenschaftlichem Anspruch
u.a. die spezifische Absorptionsrate (s. u.) nicht ausreichend standardisiert.
Die Variation der SAR-Verteilung (SAR = ,,Spezifische Absorptionsrate",
welche den Grad der Feldeinwirkung auf das Gewebe beziffert) wird mit
6 dB angegeben. Dies bedeutet eine Schwankungsbreite um das Vierfache.
Schließlich ist erstaunlich, dass in einer international beachteten Publikation
einer bekannten Arbeitsgruppe im Bereich der Mobilfunkforschung lediglich
von der Exposition mit GSM-Feldern gesprochen , aber nicht einmal die
untersuchte Frequenz benannt wird. Davon abgesehen, fehlen eine Reihe
weiterer üblicher Angaben.
Statistik
Um mit einer derart kleinen Stichprobe, wie sie hier betrachtet wurde,
eine gesicherte Aussage treffen zu können, müssen sogenannte ,,Exakte
Tests" verwendet werden. Dies könnte zwar auf die hier eingesetzten statistischen
Mittel zutreffen, ob dies aber tatsächlich der Fall war, wird ebenfalls
nicht erläutert. Die verwendeten statistischen Methoden werden in der
Publikation zu wenig beschrieben, als dass z.B. der Umgang mit den ,,Fällen
gleicher Rangsumme" (Ties) klar würde, obwohl die Auswahl des entsprechenden
statistischen Tests das Ergebnis bezüglich der Signifikanz stark beeinflusst.
Es ist zudem fraglich, warum keine zahlenmäßige Erfassung der DN vorgenommen
wurde, sondern nur eine Rangeinteilung. Durch Auszählen wäre das Experiment
aussagekräftiger geworden als durch Rangtests. Schließlich stellt sich
einem kritischen Leser die entscheidende Frage, inwieweit die Einschätzung
des Pathologen eine zuverlässige Zuordnung in die einzelnen Ränge darstellt.
Wäre diese Beurteilung durch einen anderen Pathologen reproduzierbar?
Ergebnisse und ihre Diskussion
Die Ausführungen im Ergebnisu nd Diskussionsteil der Veröffentlichung
sind recht oberflächlich gehalten. Auf eine zahlenmäßig fassbare Beschreibung
des beobachteten Eiweißaustritts aus den Blutgefäßen (s.o.) verzichtet
Salford vollständig. Die Eiweißfärbung wird lediglich beschrieben.
Ein klarer Zusammenhang zwischen der Undichtigkeit gegenüber Eiweiß und
dem Auftreten der DN wird nicht aufgezeigt.
In der knappen Darstellung der Ergebnisse der Eiweiß-Färbungen stellen
Salford et al. heraus, dass die Färbung der Kontrollgruppe häufig eine
zweifelhafte Positivreaktion zeigte (eine Reaktion, die in einer Kontrollgruppe
eigentlich nicht auftreten sollte). Demzufolge ist eine zuverlässige Zuordnung
in die drei von ihm festgelegten Ränge zur Beurteilung der Eiweißfärbungen
offenbar nicht gegeben [Zitat: ,,Kontrolltiere zeigten entweder keine
oder eine gelegentliche und oft fragliche Positivreaktion für Eiweiß außerhalb
des Hypothalamus"].
In einer Abbildung werden in Salfords Publikation zwei Fotos von Hirnschnitten
eines exponierten Tiers und eines aus der Kontrollgruppe verglichen. Eine
Zuordnung, zu welcher Gruppe das exponierte Tier gehört, wurde erst in
einer später veröffentlichten Korrektur angegeben. Betrachtet man die
äußere Form der Hirnschnitte, so stellt man fest, dass diese offenbar
nicht aus dem exakt gleichen Bereich des Rattenhirns stammen, eine Vergleichbarkeit
ist also nur bedingt gegeben.
Eine andere Abbildung zeigt die Färbung der DN ausschließlich bei Ratten,
die dem Mobilfunksignal ausgesetzt waren. Die Abbildung einer ,,Negativkontrolle",
also vom Hirn der Ratten, die keinem Mobilfunkfeld ausgesetzt waren, fehlt
vollständig. Welchen Feldstärken diese Aufnahmen zuzuordnen sind, wird
nicht angegeben. Bei einer wissenschaftlichen Publikation sollte dies
eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.
Ebenfalls ungewöhnlich für eine wissenschaftliche Publikation ist, dass
Salford et al. in der Diskussion ihrer Ergebnisse keine weiteren Referenzen
zitieren, die ihre Ergebnisse untermauern könnten. Auch mit anderen Studien,
die frühere Ergebnisse dieser Arbeitsgruppe zu ähnlichen Themen wie hier
behandelt nicht reproduzieren konnten, setzen sich die Autoren nicht auseinander.
Die Hypothese einer sekundären Öffnung der Blut-Hirn-Schranke, welche
durch den beobachteten Austritt von Eiweiß verursacht werden soll, wird
hier im Diskussionsteil zwar erwähnt, aber nicht näher erläutert oder
begründet und erscheint daher fragwürdig. Besonders die Feststellung,
dass 12 bis 26 Wochen alte Ratten in ihrem Entwicklungsstand besonders
gut mit ,,mobilfunksüchtigen" Teenagern zu vergleichen sind, ist eine
recht gewagte Aussage, die ohne sonstigen Beleg nicht haltbar ist. Weitere
Aussagen zu der besonderen Anfälligkeit von Heranwachsenden beschränken
sich in diesem Abschnitt der Diskussion lediglich auf Vermutungen. Für
einen Diskussionsteil in einer wissenschaftlichen Publikation erscheinen
die angebotenen Fakten und Aussagen insgesamt sehr dürftig.
Mangelhafte Dosimetrie und fragliche Bedeutung der ,,Dark Neurons"
Sheila Johnston hebt in ihrer Stellungnahme zu Salfords Publikation vor
allem die offenbar stiefmütterlich behandelte Dosimetrie und die Frage
nach der medizinischen Bedeutung der entdeckten ,,dunklen Nervenzellen"
hervor.
Bei den genannten SAR-Werten handelt es sich offenbar um geschätzte Ganzkörper-Mittelwerte,
die SAR-Verteilung im Gehirn wurde mit einer Computersimulation ermittelt.
Dies erfüllt für solche Studien nicht die Kriterien der Weltgesundheitsorganisation
(WHO), weil der SAR-Wert für das Gehirn nicht gemessen, sondern nur indirekt
berechnet wurde. Johnston bemerkt weiterhin, dass die mangelhafte Dosimetrie
in einer ganzen Serie von Salfords Untersuchungen an der Blut-HirnSchranke
seit dem Jahr 1988 keinen Schluss auf die dabei wirklich angewendeten
SAR-Werte zulässt. Da diese SAR-Werte aus dem vorhandenen elektrischen
Feld (E-Feld) in der verwendeten Expositionskammer (eine sogenannte TEM-Messzelle)
abgeleitet wurden, dieses E-Feld aber nicht mit dem E-Feld im Gehirn der
Ratten übereinstimmt, dürften die SAR-Abschätzungen falsch sein.
Den sehr weit gehenden Interpretationen, die Salford et al. in ihrem Diskussionsteil
in Bezug auf mögliche negative Auswirkungen der DN auf die menschliche
Gedächtnisfunktion im Verlauf des Alterungsprozesses machen, hält Sheila
Johnston in ihrer Stellungnahme folgende Argumentation entgegen:
Neurodegenerative Erkrankungen (z.B. Krankheiten mit Gedächtnisverlust)
erfolgen aufgrund der Zerstörung von Haupt-Schaltkreisen im Gehirn, verursacht
durch den Tod von Nervenzellen und den Verlust von Nervenzell-Kontakten
(Synapsen). Dieser Abbau verläuft selektiv, d.h. es gibt Nervenzellen,
die mehr oder weniger anfällig für solche Prozesse sind. Die auftretenden
Symptome einer solchen Erkrankung sind abhängig von denjenigen Schaltkreisen,
die in Mitleidenschaft gezogen wurden und geben somit ein Bild der selektiven
Verletzlichkeit der Nervenzellen wieder. Im normalen Alterungsprozess
des Menschen ist die Abnahme der Zahl der Hirnzellen durch Zelltod kein
Prozess, der ins Gewicht fällt zumindest nicht in den Gehirnregionen,
von denen Salford et al. sprechen. Entsprechende Zählungen von Nervenzellen
können allgemein nur schwer in einen funktionellen Zusammenhang gestellt
werden, weil die regionalen Unterschiede und die Verschiedenheit der Zellen
in der Hirnrinde enorm groß sind. Deshalb geben solche Studien den größten
Aufschluss über Alterungsprozesse, in denen eine bestimmte Hirnregion
untersucht wird, die mit genau bekannten Körperfunktionen in Verbindung
gebracht werden kann (Morrison & Hof, 1997).
Die ,,dunklen Nervenzellen" (DN), von denen Salford et al. berichten,
sind jedoch überall in den Rattenhirnen zufällig verteilt und können somit
nicht mit bestimmten Schaltkreisen in Zusammenhang gebracht werden. Daher
ist es auch zu weit gegriffen, aus den dort vorhandenen Befunden irgendwelche
neurologischen Bedeutungen abzuleiten oder mögliche Krankheitsbilder hinein
zu interpretieren.
Eine Reihe von Untersuchungen zur möglichen Beeinflussung der Blut-Hirn
Schranke durch elektromagnetische Felder laufen zur Zeit noch bei international
anerkannten Forschergruppen aus Frankreich, Japan, Deutschland und den
USA. Mit den ersten Ergebnissen daraus ist noch in diesem Jahr zu rechnen
und man kann hoffen, dass dabei solidere Erkenntnisse zutage treten als
bei der hier besprochenen, offenbar eher spekulativen Arbeit von Salford
und Kollegen.
Dr. Frank Gollnick ist Biologe und war lange Zeit Mitarbeiter im
Physiologischen Institut II der Universität Bonn. Er ist nun als wissenschaftlicher
Berater für die FGF tätig.
Dr. Helmut Franke ist Biologe und arbeitet zur Zeit in der Klinik
und Poliklinik für Neurologie der Universität Münster. Er ist Fachmann
auf dem Gebiet der Blut-HirnSchranke und forscht aktiv auf diesem Gebiet.
Dr. Sheila Johnston arbeitet als unabhängige Gutachterin und Beraterin,
u.a. im Gebiet Neurowissenschaften, für eine Reihe von Gremien und Organisationen.
Sie ist international anerkannt und betreibt einen eigenen Informationsdienst.
Literatur
- Gallyas, F., G. Zoltay, W. Dames (1992) Formation of ,,dark" (argyrophilic)
neurons of various origin proceeds with a common mechanism of biophysical
nature (a novel hypothesis). Acta Neuropathol. 83: 504-509
- Morrison, J.H., P.R. Hof (1997) Life and death of neurons in the aging
brain. Science 278: 412-419
- Salford L.G., A.E. Brun, J.L. Eberhardt, L. Malmgren, B.R.R. Persson
(2003) Nerve cell damage in mammalian brain after exposure to microwaves
from GSM mobile phones. Environ. Health Perspect: [Online 29 January
2003; http://ehpnet1.niehs.nih.gov/docs/2003/ 6039/abstract.html]
- Stögbauer, F. (2002) Beeinflussung der Funktion der Blut-Hirn-Schranke
durch elektromagnetische Felder. FGF-Newsletter Edition Wissenschaft
15: 3-15 [http://www.fgf.de/fup/publikat/edition.html]
- Vohra B.P., T.J. James, S.P. Sharma, V.K. Kansal, A. Chudhary, S.K.
Gupta (2002) Dark neurons in the ageing cerebellum: their mode of formation
and ef fect of Maharishi Amrit Kalash. Biogerontology 3(6): 347-354
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