Auszug aus dem Elektrosmog-Report Nr. 7 vom Juli 1997:

EMF fördern Blutkrebs bei transgenen Mäusen

Eine australische Forschergruppe fand in einer Langzeitstudie mit transgenen Mäusen ein deutlich erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Blutkrebs, wenn die Tiere zweimal täglich eine halbe Stunde lang gepulsten hochfrequenten Feldern, wie sie für Mobiltelefone nach dem GSM-Standard typisch sind, ausgesetzt waren. Die verwendeten Mäuse waren genetisch so verändert, daß sie eine Prädisposition für die Entwicklung von Blutkrebs besaßen. Die zusätzlich bestrahlten Mäuse entwickelten im Beobachtungszeitraum von 18 Monaten in 43% der Fälle eine bösartige Erkrankung, während die Mäuse der Kontrollgruppe in nur 22% der Fälle einen Krebs aufwiesen.

Die Ergebnisse der Forschergruppe aus Adelaide, Sydney und Melbourne unter der Leitung von Michael H. Repacholi führten Anfang Mai 1997, bereits vor der Veröffentlichung in der Fachzeitschrift Radiation Research, zu lebhaften Reaktionen auch in der deutschen Presse. Repacholi ist ein renommierter Forscher im EMF-Bereich, ehemaliger Vorsitzender der ICNIRP (International Commission on Non-Ionizing Radiation Protection, Internationale Kommission für den Schutz vor nicht-ionisierender Strahlung) und gegenwärtig Leiter des EMF-Projekts der WHO (Weltgesundheitsorganisation).

 

Methode


Die in der Studie verwendeten Mäuse wiesen in ihren Lymphozyten (weiße Blutkörperchen) das aktivierte Krebsgen pim1 auf. Auf diese Weise manipulierte Tiere entwickeln auch ohne äußere Einflüsse innerhalb von 10 Monaten in 5-10% der Fälle Lymphome. Nach 18 Monaten sei mit einer Krebsrate von etwa 15% zu rechnen. Die Mäuse - 101 in der bestrahlten Gruppe und 100 in der Kontrollgruppe - wurden während der Studie in Gruppen zu 5 Tieren gehalten. Die Studie wurde als Blindstudie durchgeführt, so daß die Pathologen nicht wußten, ob die jeweils untersuchte Maus zur bestrahlten Gruppe oder zur Kontrollgruppe gehörte.

Die verwendete elektromagnetische Strahlung wies eine Frequenz von 900 MHz (Megahertz) auf, die mit einer Frequenz von 217 Hz gepulst wurde bei einer Pulsweite von 0,6 Millisekunden. Dies ist typisch für Mobiltelefone nach dem GSM-Standard (in Deutschland D1- und D2-Netz). Die Käfige wurden so um die EMF-emittierende Antenne gruppiert, daß das Zentrum eines jeden Käfigs 0,65 m von der Antenne entfernt lag. Die Mäuse wurden um 6 Uhr und um 18 Uhr jeweils eine halbe Stunde lang bestrahlt. Die verwendete Strahlungsintensität von 2,6-13 W/m2 führte zu SAR-Werten (spezifischen Absorptionsraten) für eine einzelne Maus zwischen 0,0078 und 4,2 W/kg. Da sich die Mäuse hauptsächlich in Gruppen aufhielten, sind die SAR-Werte für Gruppen von 5 Mäusen relevanter. Sie wurden geschätzt mit durchschnittlich 0,13-1,4 W/kg. Zum Vergleich: Typische SAR-Werte im Kopfbereich bei der Verwendung von GSM-Mobiltelefonen liegen zwischen 0,2 und 1,0 W/kg.

Die verwendete HF-Frequenz, die Pulsung und die Strahlungsabsorption bewegten sich also in einem Bereich, wie sie für GSM-Mobiltelefone typisch sind.

 

Ergebnisse


Innerhalb des 18monatigen Beobachtungszeitraums entwickelten die Mäuse verschiedene Erkrankungen, darunter Nierenerkrankungen, Leberschäden, Erkrankungen des zentralen Nervensystems und andere. Die häufigsten Todesursachen waren jedoch bestimmte bösartige Erkrankungen des blutbildenden Systems, sogenannte Lymphome, darunter lymphoblastische und nicht-lymphoblastische Lymphome. Bei den Lymphomen fand sich im Gegensatz zu den übrigen Erkrankungen ein deutlicher Unterschied zwischen der bestrahlten EMF-Gruppe und der Kontrollgruppe (siehe Tabelle).

Tabelle: Entwicklung von Blutkrebs (Lymphome) in den zwei Untersuchungsgruppen
Lymphome
Gruppe
Anz. Tiere
Lymphoblastisch
Nicht-lymphoblastisch
Gesamt
Kontrollgruppe
100
3
19
22
EMF-Gruppe
101
6
37
43

Die Zunahme des Anteils der Mäuse, die unter der hochfrequenten EMF-Exposition ein Lymphom entwickelten, von 22% auf 43% war statistisch hochsignifikant (p < 0,001). In einem multivariaten Rechenmodell wurden die Ergebnisse an Unterschiede im Alter und im Körpergewicht der Mäuse angepaßt sowie andere Erkrankungen als konkurrierende Todesursachen berücksichtigt. Danach wies die exponierte Gruppe ein mehr als doppelt so großes Risiko für die Entwicklung eines Blutkrebses auf wie die nichtbelastete Gruppe. Das Risiko war um den Faktor 2,4 erhöht und weiterhin hochsignifikant (p = 0,006, 95%-KI: 1,3-4,5). Das Signifikanzniveau der Daten besagt: Mit einer Wahrscheinlichkeit von größer 99% besteht ein echter Zusammenhang zwischen der EMF-Exposition und der erhöhten Tumorzahl. Mit einer Wahrscheinlichkeit von größer 99% ist dieses Ergebnis kein Zufall.

 

Diskussion

Man geht heute davon aus, daß elektromagnetische Felder (EMF) im nicht-thermischen Intensitätsbereich keinen Krebs verursachen, da die Energie zu gering ist, um Schäden an der Erbsubstanz zu verursachen. Es bestehen jedoch Hinweise auf krebsfördernde Wirkungen. Bestehende Grenzwertkonzepte orientieren sich allerdings nur an thermischen Effekten (=Wärmeeffekten). In verschiedenen früheren Untersuchungen hatte eine niedrigenergetische gepulste Hochfrequenzbestrahlung von Mäusen, die mit einem chemischen Karzinogen vorbehandelt worden waren, hinsichtlich der Krebsförderung zu widersprüchlichen Ergebnissen geführt.

Es lag daher nahe, die Frage nicht-thermischer Effekte mit einem anderen bewährten Modell zu untersuchen. Tiere, die bereits eine Veranlagung für die Entwicklung eines Tumors aufweisen, entwickeln eine wesentlich höhere Tumorrate, wenn sie zusätzlich einer krebsfördernden Substanz bzw. Umgebung ausgesetzt werden. Solche Tiere weisen entweder ein aktiviertes Krebsgen auf oder ihnen fehlt ein Gen, welches die Bildung von Tumoren unterdrückt. Die in dieser Studie verwendeten Mäuse mit dem Krebsgen pim1 erfüllen dieses Kriterium.

Eine Strahlung, die in Intensität und Frequenz dem digitaler Mobiltelefone nach dem GSM-Standard entspricht, führte unter Verwendung dieses Tiermodells zu einer signifikanten Zunahme bestimmter Blutkrebsarten.

Die Bedeutung dieses Ergebnisses für die menschliche Gesundheit ist unklar. Die Mäuse wurden im Weitfeld bestrahlt, welches den ganzen Körper umfaßte, während beim mobiltelfonierenden Menschen nur ein kleiner Teil des Körpers im Nahfeld relevanten Energien ausgesetzt ist. Beim Menschen wird die HF-Strahlung eines Handys von der Haut, den darunterliegenden Muskeln und vom Auge absorbiert, mit nur geringem Eindringen in tiefere Gewebeschichten. Die Studie ist dennoch bemerkenswert und deutet auf gesundheitlich relevante biologische Effekte im nicht-thermischen Bereich unterhalb der offiziellen Grenzwerte für Mobiltelefone hin. Sie war von der australischen Telefongesellschaft Telstra finanziert worden, sicherlich mit der Vorstellung, daß sie einen gesundheitsgefährdenden Effekt der verwendeten Strahlung ausschließen würde. Das Ergebnis fiel jedoch nun unerwartet aus. Repacholi erklärte dazu in einem Interview: "Wir waren geschockt von dem Ergebnis. Damit hatten wir nicht gerechnet."

 

Resonanz in der Öffentlichkeit


Die Medienresonanz, welche die Studie weltweit hervorrief, veranlaßte auch öffentliche Instanzen zur Reaktion. Der australische Minister für Kommunikation und Kunst, Senator Richard Alston, meinte im Parlament, man könne aufgrund der Studie sagen, "daß Mäuse, die eine genetische Prädisposition für die Entwicklung von Lymphomen aufweisen, gut beraten sind, keine Mobiltelefone zu verwenden ... Das gilt auch für Ratten, würde ich sagen."

Weniger flapsig reagierten andere. "Es ist eine interessante Studie. Man kann jedoch keine Schlußfolgerungen hinsichtlich des Risikos für den Menschen daraus ziehen," meinte Dr. Mary Elizabeth Jacobs von der amerikanischen FDA (Food and Drug Administration). Dr. George Carlo, Leiter der amerikanischen WTR (Wireless Technology Research), die von der CTIA (Gesellschaft der Telekommunikationsindustrie) gefördert wird, erklärte: Diese und andere Studien "deuten deutlich daraufhin, daß da eine biologische Wirkung ist. Ich stimme nicht der Idee zu, daß das unmöglich ist."

Das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz beeilte sich in einer Pressemitteilung vom 9. Mai 1997, darauf hinzuweisen, daß es "keinen wissenschaftlich begründeten Anlaß [gäbe], die bestehenden Grenzwerte zu ändern." Die Ergebnisse der Studie seien aus zwei Gründen nicht auf den Menschen übertragbar: "Das manipulierte Mausgen mit dem Namen pim 1 wurde beim Menschen bisher nicht beobachtet" und "Die Expositionsbedingungen und die Art der Absorption der Hochfrequenzstrahlung unterscheiden sich beim Menschen und der Maus sehr."

Beide Argumente sind jedoch keine Einwände, die Bedenken einer Gesundheitsschädigung durch Mobiltelefone aus dem Wege räumen können.

  • Das Krebsgen pim1 führt nicht allein zur bösartigen Entartung, sondern es müssen weitere Mutationen von Körperzellen hinzukommen, bevor sich ein Lymphom entwickelt. Wie HF-Strahlung eine Erhöhung der Mutationsrate in den Tieren bewirken konnte, ist unbekannt. Die australischen Autoren bieten als Erklärungsmöglichkeit an, daß die Strahlung zu einer vermehrten Zellneubildung geführt habe, welche die Wahrscheinlichkeit für Mutationen in den Zellen steigere. Das grundsätzliche Muster einer Steigerung von Mutationen ist nicht an ein bestimmtes Krebsgen oder an eine bestimmte biologische Umgebung gebunden. Der Hinweis, pim1 sei beim Menschen bisher nicht beobachtet worden, ist daher ein schwacher Einwand.
  • Natürlich weisen Mäuse und Menschen unterschiedliche Expositionsbedingungen auf. Damit ist aber die Annahme nicht entkräftet, daß das, was bei der Maus eine biologische Wirkung hervorruft, dies nicht auch beim Menschen tut. Nur durch eine, wenn auch eingeschränkte, potentielle Übertragbarkeit macht eine tierexperimentelle Forschung, wie sie durchgeführt wurde, überhaupt Sinn. Wäre das Ergebnis anders ausgefallen, hätte man die Studie vermutlich als methodisch hervorragenden Unbedenklichkeitsbeweis für Mobiltelefone angeführt.
Prof. Wolfgang Löscher von der Tiermedizinischen Hochschule in Hannover, der mit Dr. Meike Mevissen mögliche krebsfördernde Effekte von niederfrequenten elektromagnetischen Feldern untersucht, meinte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 22. Mai 1997 dann auch: "Keine Firma auf der Welt entwickelt ein Medikament, das bei Labormäusen Krebs verursacht und sagt, wie die Telefonhersteller, daß das bei Menschen nicht passieren wird."

Die australischen Forscher regen wie viele andere Wissenschaftler eine Wiederholung der Studie eventuell unter modifizierten Bedingungen an. So könnte etwa ein anderes Krebsgen Verwendung finden und die Versuchsbedingungen könnten so verändert werden, daß die erheblichen Schwankungen der ermittelten spezifischen Absorptionsraten (SAR) vermindert werden.

 

Geheimiskrämerei


Die Studie war bereits im Jahre 1995 abgeschlossen worden. Am 8. Juli 1996 wurde sie bei der Fachzeitschrift Radiation Research zur Veröffentlichung eingereicht. Zuvor war sie von anderen Zeitschriften (Lancet, Nature und Science) abgelehnt worden, aus "nicht-wissenschaftlichen Gründen", wie Repacholi betont. Wie Zeitungen berichteten, hätten Nature und Science die Publikation abgelehnt, da Sorge bestünde, daß die Resultate Panik verursachen könnten. Man wolle daher bis zu einer Wiederholung der Studie warten, um zu schauen, ob sich die Ergebnisse reproduzieren lassen.

Genau das hätte allerdings bereits geschehen können, wenn die wesentlichen Ergebnisse nicht erst zwei Jahre nach Abschluß der Studie veröffentlicht worden wären. Repacholi weist daraufhin, daß die Geheimhaltung notwendig gewesen sei, um eine sorgfältige Betrachtung der Befunde vornehmen zu können. Tatsächlich hätte jedoch die Möglichkeit bestanden, die Studienresultate auf wissenschaftlichen Kongressen vorzustellen und auch hinsichtlich eventueller Schwachstellen zu diskutieren - ein oft gewähltes Verfahren, bevor Methodik und Ergebnisse in Fachzeitschriften ausführlich vorgestellt werden.

So wird Prof. Niels Kuster von der ETH (Eidgenössisch Technische Hochschule) Zürich in der Schweizer Zeitung Sonntagsblick zitiert: "Es ist mir unverständlich, daß die Industrie die Studie nicht vor 18 Monaten, als die ersten Ergebnisse bekannt wurden, wiederholt hat. Jetzt werden wir für mindestens zwei Jahre nicht wissen, ob Mobiltelefone tatsächlich die Krebsentwicklung beschleunigen."

Dies ist eine unverzeihliche Politik der Forschungsverzögerung.

Die Zeitschrift Microwave News kritisiert in ihrer jüngsten Ausgabe scharf die Geheimniskrämerei nicht nur bei dieser von der australischen Telefongesellschaft geförderten Studie. "Telstra ist nicht allein bei der Unterdrückung des freien Flusses von Informationen. Deutsche Telekom, France Telekom und andere europäische Gesellschaften verhalten sich so, als ob die Ergebnisse von industriegesponserter Forschung Handelsgeheimnisse seien. Anfragen von Journalisten werden grundsätzlich ignoriert."

Es sind milliardenschwere Interessen im Spiel.

Franjo Grotenhermen, Elektrosmog-Report

Quellen:

  1. Digital mobile phone radiation boosts cancer rate in mice. Microwave News 17 (3), S. 1, 10-12 (1997).
  2. Krebs durch Handys? Pressemitteilung des Bundesamtes für Strahlenschutz vom 9. Mai 1997.
  3. Repacholi, M. H., Basten, A., Gebski, V., Noonan, D., Finnie, J., Harris, A. W.: Lymphomas in E-pim1 transgenic mice exposed to pulsed 900 MHz electromagnetic fields. Radiation Research 147, 637-640 (1997).

Komplettes Original: http://www.datadiwan.de/esmog/es_97_07.htm

 Dazu noch ein Auszug aus dem Elektrosmog-Report Nr. 11 vom November 1997:

Repacholi zu den Ergebnissen seiner Mäusestudie

In der Juli-Ausgabe des Elektrosmog-Reports berichteten wir von den Ergebnissen der australischen Forschergruppe um Michael Repacholi, die Mäuse GSM-Mobiltelefonstrahlung ausgesetzt hatte. In einem aktuellen Interview mit dem FGF-NEWS letter bezieht Repacholi Stellung zu seinen Ergebnissen. Auf die Frage nach den Ergebnissen antwortet er: "Erstens gibt es einen signifikanten nicht-thermischen Effekt, und zweitens tritt ein epigenetischer Effekt auf. Mit anderen Worten: Die Radiowellen wirken nicht direkt auf die DNS, sondern verursachen das Wachstum der Krebszellen indirekt. Bisher verstehen wir noch nicht genau, was passiert."

Ist das Ergebnis auf den Menschen übertragbar? "Das wissen wir nicht. Lymphgewebe-Krebs ist eine seltene Krankheit. Der Großteil der Strahlung eines Mobiltelefons geht in den Kopf, nicht in den gesamten Körper. Wir können nicht sagen, daß es überhaupt keine Zusammenhänge gibt. Aber wir verstehen noch nicht, welche Zusammenhänge das sind. Darum benötigen wir nachfolgende Untersuchungen, die noch sehr viele Fragen beantworten müssen."

Welche Fragen sind das? "Erstens muß ein unabhängiges Forschungsinstitut die Ergebnisse reproduzieren. Zweitens wollen wir herausfinden, ob es eine Grenze bei der Strahlungsenergie gibt, unterhalb welcher der Effekt nicht auftritt. Drittens müssen wir mehrere verschiedene Tiermodelle untersuchen, um zu sehen, ob der Effekt dort auftritt. Erst dann können die Ergebnisse verallgemeinert werden. Viertens müssen wir untersuchen, welche Strahlungsfrequenzen den Lymphgewebe-Krebs bei den Tieren beschleunigen und welcher nicht-thermische Mechanismus ein solches Ergebnis verursacht. Schließlich müssen wir herausfinden, ob dieser Mechanismus wirklich auf den Menschen übertragen werden kann."

Werden Sie diese Forschung bei der WHO fortsetzen? "Das ist zur Zeit noch in der Diskussion."

Quelle: Sturm im Wasserglas? FGF-NEWS letter, 5. Jhrg. Nr. 3, S. 15-16, 09/97.

Komplettes Original: http://www.datadiwan.de/esmog/es_97_11.htm


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Zuletzt geändert: 22.08.02