Epidemiologische Studie zur Assoziation von Leukämieerkrankungen bei Kindern und häuslicher Magnetfeldexposition

Joachim Schüz und Jörg Michaelis, Dezember 2000

Zusammenfassung aus dem Abschlussbericht:

Zwischen 1993 und 1997 führten das Deutsche Kinderkrebsregister am Institut für Medizinische Statistik und Dokumentation der Universität Mainz und der Forschungsverbund Elektromagnetische Verträglichkeit biologischer Systeme an der Technischen Universität zwei epidemiologische Studien in Niedersachsen und Berlin zu der Frage durch, ob Leukämieerkrankungen im Kindesalter mit häuslichen Magnetfeldern im Niederfrequenzbereich assoziiert sind. Die Studien gaben Hinweise auf eine solche Assoziation, jedoch war die Studienpopulation zu klein, um einen möglichen statistischen Zusammenhang nachzuweisen oder mit hinreichender Sicherheit auszuschließen.Daher wurde beschlossen, die Magnetfeldmessungen auf ein größeres Studiengebiet auszudehnen.

Seit Ende 1997 führte der Forschungsverbund Messungen für Teilnehmer in ganz West-Deutschland durch. Das Meßprotokoll umfaßte in erster Linie eine Messung über 24 Stunden im Kinderzimmer der vom Kind vor Diagnosestellung am längsten bewohnten Wohnung. Die Meßphase wurde Ende 1999 abgeschlossen. Letztendlich standen geeignete Expositionswerte für 514 Kinder mit Leukämie und 1.301 nicht an Leukämie erkrankte Kinder zur Verfügung.

Bei den Auswertungen wurden Kinder als exponiert betrachtet, die im Durchschnitt Magnetfeldern von 0,2µT oder mehr ausgesetzt waren. Dieser Wert liegt ein Vielfaches unterhalb des Grenzwertes von 100µT, wurde aber gewählt, weil manche vorangegangene internationale Studie oberhalb dieses Wertes eine schwache Assoziation mit dem Leukämierisiko beobachtet hatte. Die Einhaltung des Grenzwertes spielte in unserer Studie keine Rolle, da der höchste Durchschnittswert mit etwa 0,7µT weit unterhalb dieser Grenze lag.

Die Ergebnisse der Studie können wie folgt zusammengefaßt werden:

  • Magnetfelder >=0,2µT kommen in Wohnungen in Deutschland selten vor. Nur in 1,4% aller für die Allgemeinbevölkerung repräsentativen Wohnungen wurden Durchschnittswerte ab dieser Feldstärke gemessen.
  • Ursachen von Magnetfeldern >=0,2µT sind in weniger als ein Drittel aller Fälle in Hausnähe vorbeiführende Hochspannungsleitungen. Andere Feldquellen sind außerhäusliche Quellen im Niederspannungsbereich (Erdkabel, Hausdachanschlüsse von Versorgungsleitungen, Straßenbeleuchtungen) oder hausinterne Quellen wie veraltete Elektroinstallationen oder Steigleitungen in Mehrfamilienhäusern.
  • Die Nähe einer Wohnung zu einer Hochspannungsleitung ist allein kein Indiz für eine überdurchschnittliche Magnetfeldexposition. Nur jede dritte Hochspannungsleitung, die in unmittelbarer Nähe an den untersuchten Häusern vorbeiführte (50m oder weniger), produzierte Magnetfelder >=0,2µT. Keine weiter entfernte Hochspannungsleitung war Ursache einer Magnetfeldexposition >=0,2µT.
  • Unsere Studie ergab keinen deutlichen Hinweis, daß durchschnittliche Magnetfelder >=0,2µT mit dem Auftreten von Leukämien im Kindesalter assoziiert sind. Wir beobachteten ein höheres Leukämierisiko bei Magnetfeldstärken >=0,4µT, das aufgrund der kleinen Fallzahl allerdings nur eine geringe Aussagekraft hatte. Es ist allerdings insofern bedeutsam, als es im Einklang mit der internationalen Literatur steht, die ein erhöhtes Leukämierisiko ab 0,3/0,4µT vermuten läßt, aber nicht darunter.
  • Kinder, die während der Nacht einem höheren Magnetfeld >=0,2µT ausgesetzt waren, hatten ein etwa 3-fach erhöhtes Leukämierisiko, das als statistisch auffällig bezeichnet werden kann. Dieses Ergebnis ist insofern bedeutsam, als daß es sich mit Beobachtungen unserer Studien in Niedersachsen und Berlin deckt.

Aufgrund der Beobachtungen für die nächtliche Magnetfeldexposition kann unsere Studie als Hinweis auf eine statistische Assoziation zwischen magnetischen Feldern und Leukämien im Kindesalter gewertet werden. Eine biologische Erklärung für diese Beobachtung ist nicht bekannt. Sollte die beobachtete Beziehung kausal sein, wären dennoch nur etwa 1% aller Leukämien bei Kindern in Deutschland der Exposition durch elektromagnetische Felder zuzuschreiben. Damit bleibt die Ursache für die große Mehrheit aller Leukämiefälle bei Kindern weiterhin unklar.

 
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Weitere Fallkontrollstudien zu elektromagnetischen Feldern und Krebserkrankungen im Kindesalter
Eine Übersicht mit Downloadmöglichkeit auf der Homepage des Deutschen Kinderkrebsregisters
Stellungnahme des Deutschen Kinderkrebsregisters zu den Pressemitteilungen „Kinderkrebsraten steigen“ (Dezember 2001)
Übersicht zu niederfrequenten Feldern (Hochspannungsleitungen, Bahnstrom und Haushaltsgeräte)


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Zuletzt geändert: 27.10.02