Die "Lilienfeld-Studie"

Im Rahmen der "Lilienfeld-Studie" [1] wurde 1978 der Gesundheitszustand von Mitarbeitern der US-Botschaft in Moskau sowie deren Angehörigen und Kinder retrospektiv für den Zeitraum 1953 - 1976 erhoben und mit acht anderen Botschaften und Konsulaten im damaligen Ostblock verglichen. Dabei wurden die Lebensverhältnisse als vergleichbar angesehen, bis auf den Umstand, dass die Sowjets das Botschaftsgebäude aus nicht weiter erläuterten Gründen in dieser Zeit absichtlich mit Mikrowellen bestrahlten.
Die an den Fassaden festgestellten "rauschartigen" Expositionen im Frequenzbereich von 0,5 bis 9 GHz betrugen in den Jahren 1953 bis Mai 1975 bis zu 50 mW/m² über 9 Stunden täglich und an einem anderen Gebäudeteil von Juni 1975 bis Februar 1976 bis zu 150 mW/m² über 18 Stunden täglich. Danach war die Exposition mit weniger als 10 mW/m² deutlich geringer.
 

Von den Fakten zu Interpretationen

Dieser Umstand einer Mikrowellenexposition weckte in einer Zeit der aufkommenden "Elektrosmog-Diskussion" natürlich das Interesse mancher darin aktiv Beteiligten, die bei der "Lilienfeld-Studie" gefundenen Ergebnisse in einer ihnen geeignet erscheinenden Weise neu zu interpretieren. Geradezu eine Vorreiterrolle spielte dabei der neuseeländische Meteorologe Dr. Neil Cherry [2], dessen Hobby die Diskussion um elektromagnetischer Felder war und der sich in einer umfassenden Kritik an den ICNIRP-Richtlinien auch der "Lilienfeld-Studie" widmete. Sein dabei entstandenes Konglomerat von Auslassungen, Verfälschungen und Interpretationen bildete darauf die Vorlage für etliche noch kürzere Zusammenfassungen, wobei deren kritiklose Weitergabe auch durch den Umstand begünstigt wurde, dass die originale "Lilienfeld-Studie" nur sehr schwer zu bekommen ist und praktisch keine Verbreitung fand.
Als Beispiel für eine der Zusammenfassungen im deutschsprachigen Raum nachfolgend eine Passage aus einem "Gutachten" des Münchener Ganzheitsmediziners Dr. med. Hans-C. Scheiner [3]:

Lilienfeld u.a. 1978. Diese beschreibt ein trauriges Stück kalten Krieges:
Im Zeitraum von 1953 bis 1976 wurde die Amerikanische Botschaft in Moskau durch die Sowjets mit Radarstrahlen mit einer Durchschnittsstärke von 1000-2000nW/cm2. Dabei zeigte sich bei einem Kollektiv von 4500 Personen, von Botschaftsangehörigen ein drastisches Ansteigen von Krebs und vielen anderen Erkrankungen. Gegenüber einem unbestrahlten Vergleichkollektiv von 7500 Angehörigen von Botschaften in anderen Ostblockstaaten zeigte die Moskaugruppe ein erschreckend erhöhtes Krebs- und Leukämie-Risiko:
- Erwachsenen-Leukämie zeigte sich 2,5 mal häufiger,
- Kindliche Leukämie war 3 mal häufiger,
- weiblicher Brustkrebs war 4 mal häufiger,
- weiblicher Genitalkrebs war 5 mal so häufig,
- Hirntumor bei Erwachsenen gar 20 mal so häufig!

 

Zurück zu den Fakten

Bei der "Lilienfeld-Studie" wurden die Gesundheitsdaten nicht nur von den in dem Moskauer Botschaftsgebäude arbeitenden über 1800 Angestellten, sondern auch deren nicht im Botschaftgebäude befindlichen rund 3000 Angehörige (mit Kindern) untersucht und dabei laut Autoren keine gesundheitliche Benachteiligung durch die Mikrowellen-Exposition gefunden.
Dies widerspricht den in vielen "Zusammenfassungen" gemachten Aussagen bereits im Allgemeinen, wobei eine nähere Betrachtung der aufgeführten Krebsrisken sogar eine Täuschungsabsicht von Dr. Cherry und seinen Nachahmern erkennen lässt.

Hierzu Informationen zum Beispiel des "20-fachen Hirntumorrisikos bei Erwachsenen", das auch in diversen Zeitungsartikeln immer wieder herangezogen wird:

Laut der Originalaussage der Lilienfeldstudie wurden folgende Hirntumorfälle gefunden:
 
Kein Fall unter den im Botschaftsgebäude arbeitenden Angestellten (bei 0,9 statistisch erwarteten Fällen)
 
Kein Fall bei den Angehörigen, welche im Botschaftsgebäude wohnten ( bei 0,05 zu erwartenden Fällen)
 
Zwei Fälle bei den Angehörigen, die nicht im Botschaftsgebäude arbeiteten oder wohnten (bei 0,1 zu erwartenden Fällen)
Bei einer korrekten Betrachtung eines durch die Exposition im Botschaftsgebäude erhöhten Risikos müssten diese Fälle natürlich entsprechend getrennt bewertet werden, was durch Dr. Cherry (und seine Nachahmer) jedoch nicht einmal ansatzweise gemacht wurde.
Darüber hinaus "vergaß" Cherry sogar noch die Berücksichtigung der zu erwartenden Fälle bei den im Botschaftsgebäude arbeitenden bzw. wohnenden Menschen (unter denen übrigens eben kein Erkrankungsfall auftrat) und kam alleine so zu dem in zweierlei Hinsicht falschen "20-fachen Hirntumorrisiko" (Zwei gegenüber 0,1 zu erwartenden Fällen).

Diese Art der Verfälschung der Originalinhalte zieht sich durch die gesamte Interpretation von Dr. Cherry und wurde durch eine entsprechende Vervielfältigung somit zu "dem" Kenntnisstand vieler Mobilfunkkritiker, wobei sich noch weitere Spekulationen wie etwa zu dem Grund der Mikrowellenbestrahlung hinzugesellten.

Eine umfangreiche Darstellung einiger solcher "Irrtümer" zusammen mit einer Auswahl von tatsächlichen Fakten findet man in einer Ausarbeitung des Physiker M. Hahn, der dazu auch Originalunterlagen beifügt:

Was wirklich in der Lilienfeldstudie steht, was manche behaupten und etliche glauben (18 Seiten, 2.4 MB)

 

Mehr Information und Referenzen

Lilienfeld AM, Tonascia J, Tonascia S, et al. Foreign Service Health Status Study. Final report contract no. 6025-619037 (NTS publication PB-288163). Washington, D.C.: Department of State, 1978.
Dies ist die originale "Lilienfeld-Studie", erhältlich z. B. bei der ETHZ-Bibliothek Zürich. [Referenz 1]
Die Kritik von Neil Cherry an den ICNIRP-Richtlinien [Referenz 2]
"Gutachten" von Dr. med. Hans-C. Scheiner (160 kB) [Referenz 3]


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Zuletzt geändert: 31.08.08