Mobilfunk und Hirntumor-Risiko:
Erste Gesamtergebnisse der INTERPHONE-Studie
Am 17. Mai 2010 veröffentlichte die INTERPHONE-Studiengruppe die Gesamtauswertung zu zwei von vier Tumorarten, die im Rahmen der größten bislang durchgeführten Fall-Kontroll-Studie zum Hirntumor- Risiko durch die Nutzung von Mobiltelefonen untersucht wurden. Die Bevölkerungsuntersuchung wurde im Jahr 2000 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) initiiert und unter Koordination der zur WHO gehörenden „International Agency for Research on Cancer“ (IARC) durchgeführt. Viele Einzelergebnisse aus den 13 beteiligten Ländern wurden bereits in den vergangenen Jahren publiziert, die Gesamtergebnisse zu den zwei weiteren untersuchten Tumorarten sollen noch folgen. In der Interviewbasierten Studie befragten die 20 beteiligten Arbeitsgruppen 6420 Personen mit Krebserkrankungen (Diagnose zwischen 2000 und 2004) und 7658 Kontrollpersonen ohne solche Erkrankungen (Alter aller Teilnehmer zwischen 30 und 59 Jahre) rückblickend zu ihren Mobiltelfoniergewohnheiten und analysierten die Daten hinsichtlich eines möglichen Zusammenhangs zwischen Telefonbenutzung und Erkrankung. Dabei wurden die vier Tumorarten Gliom (gut- oder bösartiger Hirngewebstumor), Meningeom (meist gutartiger Hirnhauttumor), Akustikusneurinom (gutartiger Hörnervtumor) sowie der überwiegend gutartige Ohrspeicheldrüsenkrebs in die Untersuchung einbezogen. Der erfassbare Zeitraum, in dem die Studienteilnehmer rückblickend bereits Mobiltelefone nutzten (= individueller Beobachtungszeitraum), betrug für das hier untersuchte Personenkollektiv mit wenigen Ausnahmen maximal 12 Jahre. Die nun veröffentlichte Gesamtauswertung zu Gliomen und Meningeomen (zusammen 5117 Erkrankungsfälle) zeigt aus Sicht der Autoren:
- Ein reduziertes Erkrankungsrisiko für Teilnehmer die insgesamt häufiger telefoniert hatten (Anrufzahl pro Beobachtungszeitraum) und für Langzeitnutzer, die mehr als zehn Jahre lang regelmäßig mobil telefoniert hatten. Die Autoren interpretieren dieses statistische Ergebnis mit methodischen Unzulänglichkeiten der Studie und halten einen protektiven („schützenden“) Effekt durch das Mobiltelefonieren für unwahrscheinlich..
- Bei der Nutzungsintensität (aufsummierte Gesprächszeit) zeigen nur die Zahlen für die obersten zehn Prozent der Teilnehmer, die am intensivsten telefonierten (Gesamtgesprächsdauer im Beobachtungszeitraum: 1.640 Stunden oder mehr) ein erhöhtes Risiko (statistisch signifikant nur für Gliome). Hier wirkten nach Angabe der Autoren aber einige unplausible Angaben von Befragten (z.B. 12 Stunden Mobiltelefonieren pro Tag) verfälschend auf die Zahlen, so dass man hieraus keinen kausalen Zusammenhang interpretieren konnte. Auch wurde kein allgemeiner Zusammenhang zwischen stärkerer Telefonnutzung und höherem Tumorrisiko festgestellt, d.h. kein Dosis-Wirkungs-Verlauf.
- Im Vergleich war das Gliom-Risiko bei Patienten, die das Mobiltelefon regelmäßig an der Kopfseite mit dem Tumor benutzten tendenziell höher als bei Patienten, die auf der gegenüberliegenden Seite telefonierten. Hier halten es die Autoren für möglich, dass die Daten durch fehlerhafte Erinnerung der Befragten bzw. durch deren Erwartungshaltung verfälscht wurden.
Zusammenfassend leiten die Autoren aus den Gesamtergebnissen bis hierhin kein erhöhtes Tumorrisiko durch den Gebrauch von Mobiltelefonen ab. Die Hinweise auf Effekte bei langfristiger sehr starker Nutzung erforderten aber weitere Untersuchungen. Die vorliegende Studie könne methodenbedingt keine Aussage über Langzeiteffekte für mehr als 12 Jahre machen und ebenso nicht über eventuelle Risiken für Kinder und Jugendliche.
Finanzierung
Bislang wurde die INTERPHONE-Studie mit etwa 19,2 Mio. Euro gefördert. An der Mischfinanzierung war die Mobilfunkindustrie mit knapp 6 Mio. Euro zu etwa 29% beteiligt, allerdings nicht durch Direktzuwendung, um die Unabhängigkeit der Forschung sicherzustellen. Knapp 10 Mio. Euro wurden von nichtindustriellen nationalen und lokalen Förderquellen in den Teilnehmenden Ländern bereitgestellt, weitere knapp 4 Mio. Euro von der Europäischen Kommission im Rahmen des 5. Forschungsrahmenprogramms der Europäischen Gemeinschaft (FP5).
Kommentare und kritische Bemerkungen
Einige Unzulänglichkeiten wurden von der Studiengruppe selbst eingeräumt: So ist in Fachkreisen bekannt, dass in einer Fall-Kontroll-Studie die Telefon-Nutzungsdaten, die durch mündliche Befragung im Rückblick erhobenen werden müssen, zwangsläufig mit relativ großen Unsicherheiten in Bezug auf die länger zurückliegende Nutzung behaftet sind. Dies führt unausweichlich zu Datenverzerrungen durch Erinnerungsfehler („recall bias“). Andere Studientypen, die dies vermeiden, sind noch aufwändiger und teurer. Zweitens konnte die rasante Steigerung der Intensität der Mobiltelefonnutzung in den letzten Jahren vor allem bei jungen Menschen in der im Jahr 2000 konzipierten Studie noch nicht ausreichend berücksichtigt werden. So sind einige damals angenommene Voraussetzungen, z.B. die Definition von „starker Nutzung“, heute nicht mehr aktuell. In der Publikation werden noch einige andere Fehlermöglichkeiten diskutiert.
In Reaktionen auf die Veröffentlichung wurden aus mobilfunkkritischen Kreisen zusätzliche Kritikpunkte vorgebracht. Hierzu zählen vor allem die folgenden:
- Die Nutzung schnurloser DECT-Telefone, die ebenfalls einen Einfluss haben könnte, sei in der Studie unberücksichtigt geblieben.
- Hirntumore entstünden bei anderen schädlichen Einwirkungen erst 15 bis 30 Jahre nach der Einwirkung. Mit meist unter 12 Jahren Beobachtungszeitraum hätte die Studie somit gar keine Langzeitwirkungen nachweisen können.
- Nutzer, die jünger als 30 Jahre waren, seien in der Studie nicht berücksichtigt worden.
- Die Verzerrung der Daten durch Erinnerungsfehler der Befragten könne auch anders als die Studiengruppe es darstellt interpretiert werden.
Kritiker interpretieren die Ergebnisse der Publikation eher so, dass die Daten klar auf ein erhöhtes Langzeitnutzer-Risiko hindeuten und heben entsprechende Einzelhinweise aus der Studie hervor. In ihren Kommentaren sehen dagegen das deutsche Bundesumweltministerium (BMU) und das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), wie auch andere internationale Gremien und Behörden (z.B. ICNIRP, ARPANSA, NCI des NIH), aufgrund der Studienergebnisse keinen Grund, von den derzeit geltenden Grenzwerten und den bisherigen Bewertungen zu möglichen gesundheitlichen Risiken des Mobilfunks abzuweichen. Das BfS bleibt bei seinen Vorsorgeempfehlungen zum Gebrauch mobiler Kommunikationsgeräte, das BMU beauftragte die Strahlenschutzkommission (SSK) mit der Bewertung der vorgelegten INTERPHONE-Ergebnisse.
Weitere Forschung
Neben der angekündigten Veröffentlichung weiterer Gesamtauswertungen zu den zwei anderen betrachteten Tumorarten sind mittlerweile drei weitere epidemiologische Verbundstudien, teilweise gemischt mit Laboruntersuchungen, angelaufen.
- In der internationalen Fall-Kontroll-Studie MOBI-KIDS, die im 7. Rahmenprogramm der Europäischen Kommission gefördert wird, werden in 13 Ländern (u.a. Deutschland) fünf Jahre lang die Auswirkungen von Kommunikationstechnologie (u.a. Mobilfunk) und Umweltfaktoren auf die Entstehung von Hirntumoren in jungen Menschen im Alter zwischen 10 und 24 Jahren untersucht.
- Mit höchster international zugewiesener Priorität verfolgt die Langzeit-Kohortenstudie COSMOS in fünf europäischen Ländern (ohne Beteiligung Deutschlands) mögliche Langzeitwirkungen des Handygebrauchs an mindestens 200.000 Mobilfunknutzern im Alter über 18 Jahre. Über einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren werden verschiedene Gesundheitsparameter der Teilnehmer im Zusammenhang mit genauen Daten über Häufigkeit und Dauer des Telefonierens erfasst.
- In der Verbundstudie MoRPhEUS, die an verschiedenen Forschungszentren in Australien stattfindet, wird eine Kohorte von Kindern ab ihrem 7. Lebensjahr über zunächst drei Jahre im Hinblick darauf verfolgt, ob der Gebrauch von Handys ihre Hirnfunktion, den Blutdruck oder das Hörvermögen
beeinflusst.
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