Am 31.5.2011 hat die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) der Weltgesundheitsorganisation hochfrequente elektromagnetische Felder (HF-EMF) hinsichtlich ihres krebserregenden Potentials in Gruppe 2B ihrer Klassifizierungsskala eingestuft. Dies ist die mittlere von 5 Klassifizierungsstufen, in die im Jahr 2001 bereits niederfrequente elektromagnetische Felder (NF-EMF) eingestuft wurden:
IARC erläuterte diese Entscheidung so: „Die Hinweise wurden kritisch geprüft und insgesamt für Mobiltelefonnutzer hinsichtlich Gliomen (meist bösartiger Hirntumor, Anm. d. Red.) und Akustikusneurinomen (gutartiger Hörnervtumor, Anm. d. Red.) als ‚begrenzt‘ eingestuft, sowie als ‚unzulänglich‘, um für andere Arten von Krebs Schlüsse zu ziehen. Die Hinweise bezüglich beruflicher und umweltbedingter Exposition wurden ebenso als ‚unzulänglich‘ beurteilt.“ Die Klassifizierung bezieht sich also auf die Benutzung von Handys, nicht aber auf die Emissionen von Mobilfunk-Basisstationen oder Radio- und Fernsehantennen (von der IARC hier „umweltbedingte Exposition“ genannt). Weitere Informationen zur Entscheidung der IARC auf der Webseite: http://www.iarc.fr/. Insgesamt hat die IARC bis heute insgesamt 941 Wirkstoffe klassifiziert. Jedes Mal setzte sich hierzu eine Expertengruppe mit der wissenschaftlichen Nachweislage zum krebserregenden Potenzial des jeweiligen Stoffs auseinander. Zur Einstufung von HF-EMF gingen 31 Wissenschaftler aus 14 Ländern vom 24. bis 31. Mai 2011 in Klausur. |
Quelle: EMF Brief des WIK, Ausgabe 47 vom 09.06.11
Eine Reihe von Organisationen und offiziellen Stellen haben zu der IARC-Klassifizierung Stellung genommen. Hier eine Auswahl: In einer Kurzmitteilung vom 31. Mai 2011 vermerkt die Internationale Kommission zum Schutz vor nicht-ionisierender Strahlung (ICNIRP), dass sie mit Interesse die angekündigte vollständige IARC-Monographie Nr. 102 zum Thema erwartet, in der die Begründung und die Argumente dargelegt werden sollen, welche die IARC zu ihrer Schlussfolgerung geführt haben. ICNIRP betont, dass sie ein Review über mögliche gesundheitliche Auswirkungen von HF-EMF, einschließlich Kanzerogenität sowie andere Aspekte, durchgeführt hat. Die Kommission wird eine revidierte Fassung der ICNIRP-Richtlinien über die Begrenzung der Exposition für die allgemeine Öffentlichkeit und für beruflich exponierte Gruppen veröffentlichen. Darin soll sämtliche Literatur, einschließlich des in der IARC-Monographie vorgebrachten Materials berücksichtigt werden. Der Internationale Verband der Mobiltelefon-Produzenten CTIA weist in einem Statement darauf hin, dass die IARC-Klassifizierung nicht bedeutet, dass Mobiltelefone Krebs verursachen. Nach den Regeln der IARC könne ein begrenzter Verdacht auf Basis statistischer Studien auch dann festgestellt werden, wenn systematische Fehler oder andere Schwachstellen in der Datenbasis die Grundlage dafür sind. Das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) weist in seinen Erläuterungen zur Entscheidung der IARC darauf hin, dass das BfS zu den wenigen internationalen wissenschaftlichen Kooperationszentren der WHO für den Mobilfunk gehört und sich in dieser Funktion dafür einsetzen wird, dass die Frage nach gesundheitlichen Auswirkungen durch den Mobilfunk auch weiterhin mit Nachdruck verfolgt wird. Das Mobile Manufacturers Forum (MMF), internationaler Verband der Hersteller von Funkgeräten und -anlagen hält es für wichtig festzuhalten, dass "IARC basierend auf der verfügbaren wissenschaftlichen Daten-lage zum Schluss gekommen ist, dass elektromagnetische Wellen im Funkbereich weder ‚sicher krebserre-gend‘ noch ‚wahrscheinlich krebserregend‘ bei Menschen sind. IARC sei jedoch zu dem Schluss gekommen, dass Funkwellen ‚möglicherweise krebserregend‘ für Menschen sein könnten und habe Themen für weitere Forschung identifiziert, so Michael Milligan, Generalsekretär des Mobile Manufacturers Forum (MMF). In einer gemeinsamen Medienmitteilung der Schweizer Forschungsstiftung Mobilkommunikation (FSM) und der Krebsliga Schweiz (KLS) ist aus ihrer Sicht bemerkenswert, dass mit der Einstufung der IARC das Krebsrisiko von HF-EMF gleich hoch eingeschätzt wird wie jenes von NF-EMF. Letztere wurden von der Internationalen Krebsforschungsagentur im Jahr 2001 aufgrund von konsistenten epidemiologischen Befunden, die jedoch im Tier- und Zellmodell nicht bestätigt werden konnten, ebenfalls als «möglicherweise kanzerogen» eingestuft (Gruppe 2B). „FSM und KLS setzen sich dafür ein, die Forschungsanstrengungen auf diesem Gebiet weiterzuführen, um Wissenslücken zu schließen – gerade auch im Hinblick auf die rasche Verbreitung und Entwicklung drahtloser Technologien.“ Jean Huss, Autor des kürzlich veröffentlichten Berichts der Parlamentarischen Versammlung des Europarates (PACE) über „Die möglichen Gefahren elektromagnetischer Felder und ihre Auswirkung auf die Umwelt“ (siehe WIK EMF Brief Nr. 46 vom 31.05.2011), begrüßte in einer Stellungnahme vom 01.06.2011 die Mitteilung der IARC, dass der Gebrauch von Mobiltelefonen als möglicherweise krebserregend für den Menschen eingestuft wurde. „Die Informationen der WHO bestätigen den Inhalt meines Berichts“, ergänzt Huss. „Ich möchte den besonderen Schutzbedarf von Kindern und den Bedarf an aktiven Vorsorgemaßnahmen unter-streichen. Aufmerksamkeitssteigernde Kampagnen, die sich an Lehrer und Eltern richten und vor den Risi-ken des Langzeitgebrauchs von Mobiltelefonen durch Kinder von klein auf warnen, sollten schnell realisiert werden.“ Die australische Strahlenschutzbehörde ARPANSA begrüßte in einer Stellungnahme vom 03.06.2011 den Bericht der IARC und stellt fest, dass die vorgenommene Klassifizierung mit den gegenwärtigen Empfehlungen der ARPANSA zur Reduzierung der persönlichen Exposition gegenüber HF-EMF von Mobiltelefonen korrespondiert. Die Behörde sieht aber in dieser neuen Klassifizierung keinen Grund, nun Alarm zu schlagen und gibt zu bedenken, dass die Einstufung hauptsächlich auf Bevölkerungsstudien zum Gliom-Risiko (siehe oben) und darin auf dem Risiko starker Handynutzer beruht. „Diese Studien konnten andere Gründe für das offenbar erhöhte Risiko nicht ausschließen, wiesen aber darauf hin, dass HF-EMF als Ursache glaubhaft sind“, so die ARPANSA weiter.
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Quelle: EMF Brief des WIK, Ausgabe 47 vom 09.06.11
IARC Monographs on the Evaluation of Carcinogenic Risks to Humans: Radiofrequency Electromagnetic Fields (Volume 102) (2013) Fact Sheet N°193 der Weltgesundheitsorganisation (WHO): Electromagnetic fields and public health: mobile phones
In dieser Ausgabe vom Juni 2011 hat die WHO die Klassifizierung der IARC einfliessen lassenDiskussion um die gegensätzlichen Ergebnisse in INTERPHONE-Nachuntersuchungen
EMF Brief 51 vom 20.07.11Unterschiedliche Einschätzungen von IARC und ICNIRP zum Hirntumorrisiko durch Mobiltelefonie
EMF Brief 49 vom 07.07.11Mobilfunk: Was bedeutet "möglicherweise krebserregend"?
Ein Editorial von Alexander Lerchl, Thomas Eikmann und Caroline Herr in Umweltmed Forsch Prax 2011, 16 (4)Einblicke in die Tagung zur IARC-Monografie 102: Bewertung des Krebsrisikos für den Menschen durch hochfrequente elektromagnetische Felder
Ein Auszug aus der Publikation EMF Spektrum 3/2011 des WIK (427KB)Mobilfunk – möglicherweise krebserregend! 2B und wie weiter?
Bericht von einem Fachgespräch des Wissenschaftsforums EMF am 13.12.2011, im EMF-Spektrum 1/2012 des WIK (1.85MB)Are Cell Phones a Possible Carcinogen? An Update on the IARC Report
Dieser Beitrag in einem kanadischen Medizinportal befasst sich kritisch mit der Bewertung der IARC und stellt dabei besonders die Unzulänglichkeiten der Studien von L. Hardell in den Mittelpunkt.
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