Untersuchungen von Krebsfällen in der Nähe von Sendeanlagen in Grossbritannien (1997)

 
Bei diesen beiden Studien von Dolk et al. wurde nach einer ersten Untersuchung um den Sender Sutton Coldfield die Betrachtung auf zwanzig weitere Senderstandorte ausgedehnt. Nachfolgend die Zusammenfassungen der Studien aus der Literaturdatenbank ELMAR des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Basel:

Dolk H., Shaddick G., Walls P., Grundy C., Thakrar B., Kleinschmidt I., Elliott P.: Cancer incidence near radio and television transmitters in Great Britain.1. Sutton Coldfield transmitter. American Journal of Epidemiology 1997: 145 (1), 1-9.

Ziel:
Untersuchung der Krebshäufigkeit in der Umgebung der Fernseh-/Radioantenne "Sutton Coldfield" in der Region West-Midlands, England.

Kollektiv:

 

Exposition:
Der Mast der Fernsehantenne ist 240 m hoch. Die Exposition begann 1957 mit 250 KW effektiver Strahlungsleistung. Zwischen 1964 und 1969 kamen vier weitere Frequenzen mit je einem Megawatt dazu, ab 1982 nochmals vier Frequenzen mit 1 MW, alle im VHF-Bereich (very high frequency). Messungen ergaben, dass die Leistung mit zunehmender räumlicher Entfernung zwar generell abnimmt, wegen der vertikalen Ausrichtung der Antenne aber nicht stetig, sondern unregelmässig. Die maximale gemessene Strahlungsleistung über die Frequenzen integriert betrug 2.5 m über dem Boden 0.013 W/m2 für den Fernseh- und 0.057 W/m2 für den Radiobetrieb. Generell nahm die Strahlungsintensität innerhalb von 10 km um einen Faktor 5 bis 10 ab.

 

Methode:
Von 1974 bis 1986 wurden alle Krebserkrankungen im 10-km-Umkreis des Senders analysiert. Die Anzahl beobachteter Fälle wurde mit den Erwartungswerten verglichen.

 

Resultate:
Verglichen mit landesweiten Daten betrug das standardisierte Inzidenzverhältnis (SIR) für die ganze Region "West Midlands" 0.95 für alle Krebserkrankungen und 0.8 für Leukämien. Das Verhältnis zwischen beobachteten und erwarteten Erkrankungsfällen lag innerhalb von 10 km bei 1.03 für alle Krebserkrankungen und bei 1.01 für Leukämien. Innerhalb von 2 km um die Antenne herum betrug es 1.09 für alle Karzinome und 1.83 (CI: 1.22-2.74) für Leukämien. In Bezug auf die Leukämien zeigte sich eine konsiste Abhängigkeit des Risikos von der Distanz zur Antenne. Für Non-Hodgkin-Lymphome wurde innerhalb eines Radius von 10 km ein statistisch erhöhtes Risiko gefunden, aber nicht im Umkreis von 2 km. Der Unterschied zwischen dem SIR des inneren und des äusseren Umkreises war für Haut- und Blasenkrebs statistisch signifikant. Dabei war nur nur das Blasenkrebsrisiko im inneren Kreis signifikant erhöht. Die Unterschiede in den Hautkrebsraten sind wahrscheinlich auf sozioökonomische Faktoren zurückzuführen. Der Unterschied in der Blasenkrebsinzidenz wird als Zufallsergebnis deklariert.

 

Schlussfolgerung:

 

Bemerkung:
Es ist zu berücksichtigen, dass dieses Studiendesign nicht die Kontrolle von anderen Einflussfaktoren auf den beobachteten Zusammenhang erlaubt. Die deutlich konsistente Abnahme der Leukämierate in Abhängigkeit von der Distanz zur Antenne ist ein Hinweis, dass ein kausaler Zusammenhang bestehen könnte. Auf der anderen Seite wurde in der zweiten Studie bei allen Antennen ein Maximum in rund 2 bis 3 km Entfernung beobachtet (Dolk H. et al., American Journal of Epidemiology 1997: 145 (1), 10-17; Id. Nr. 1132) . Kommentare zu dieser Studie von Cooper et al., American Journal of Epidemiology 2001: 153 (2), 202-204 (Id.Nr.1472) sowie Cherry N. et al., American Journal of Epidemiology 2001: 153 (2), 204-205 (Id.Nr.1473)

Mehr Information::
Abstract
 
Dazu lesenswert:
Gesundheitliche Beeinträchtigungen in der Nähe von Rundfunk- und Fernsehsendern?
Eine Übersicht weiterer Studien zu diesem Thema

Dolk H., Elliott P., Shaddick G., Walls P., Thakrar B.: Cancer incidence near radio and television transmitters in Great Britain. 2. All high power transmitters. American Journal of Epidemiology 1997: 145 (1), 10-17.

Ziel:
Ausweitung der Sutton Coldfield I Studie auf 20 Fernseh- und Radioantennen.

Kollektiv:
Alle Leukämie-, Hirntumor-, Kinderleukämie-, Hautkrebs- und Blasenkrebsfälle im Umkreis von 10 km um 20 Sendemasten in Grossbritannien. In der Studienregion lebten insgesamt 3.39 Millionen Menschen.

 

Exposition:
Es wurden vier (überlappende) Gruppen von Antennen gebildet: Gruppe 1: stark strahlende TV-Antennen mit einer effketiven Strahlungsleistung von 870 bis 100 kW; Gruppe 2: TV-Antennen mit Strahlungsleistung von 500-1000 kW; Gruppe 3: alle Radioantennen mit 250 kW. und Gruppe 4: TV- und Radioantennen kombiniert mit TV-Leistung>500 kW und Radioleistung 250 kW. Keine der Antennen besass exakt die gleiche Charakteristik wie Sutton Coldfield.

 

Methode:
Die beobachteten Anzahl Krebsfälle wurde mit der erwarteten Anzahl verglichen und das standardisierte Inzidenzverhältnis berechnet (SIR). Statistische Signifikanz wurde mittels Stone's Test überprüft. Dieser Test berücksichtigt, dass bei mehreren Einzelquellen die Risiken der einzelnen Quellen verschieden sein können.

 

Resultate:
Im Umkreis von 2 km um die Sendeantennen traten Leukämien nicht gehäuft auf (SIR=0.97; CI=0.78-1.21). Jedoch wurde eine minim erhöhte Rate im Umkreis von 10 km gefunden (SIR=1.03; CI=1.00-1.07). Die Inzidenz für alle Leukämien zusammen in Abhängigkeit von der Distanz war sowohl für alle Antennen kombiniert als auch für die 4 einzelnen Gruppen im Bereich von ca. 1 bis 7 km erhöht. Bei den stärksten Antennen waren die Befunde am stabilsten. Für 3 der 20 Antennen wurde eine signifikante Abnahme der Leukämien mit zunehmnder Distanz gefunden. Im Umkreis der Antenne von Gruppe 1 und 2 war die SIR signifkant erhöht im Umkreis von 10 km. Keine der einzelnen Leukämiearten war signifikant mit der Exposition assoziert. Die statistisch signifikanten Ergebnisse bei allen Leukämien zusammen sind verursacht durch akute, akute myeloide und chronisch lymphatische Leukämien. Hautkrebs trat signifkant weniger häufig auf im Umkreis von 10 km. Blasenkrebs hingegen signifkant häufiger. Kinderleukämien und Hirntumoren wurden nicht signifkant häufiger beobachtet.

 

Schlussfolgerung:

 

Bemerkung:
Bei diesem Studiendesign kann für andere Risikofaktoren als Hochfrequenzstrahlung nicht kontrolliert werden. Dass solche Einflüsse auf das Ergebnis nicht auszuschliessen sind, folgt aus den Ergebnissen für Blasen- und Hautkrebs. Generell fehlen Strahlungsmessungen. Auffällig sind die konsistent erhöhten Risiken im Bereich von 1-7 km um die Antenne mit einem Maximum bei 2-3 km. Es scheint sehr plausibel, dass in unmittelbarer Nähe der Antenne die Strahlungsbelastung relativ gering ist (Höhe der Masten, horizontale Abstrahlung, siehe N. Cherry). Da die statistische Analyse diesen Bereich immer miteinschloss, führte dies zu einer Reduzierung des Befundes. Interessant ist auch, dass bei den Gruppen mit den leistungsstärksten Antennen die SIR auch im 10 km Ring noch erhöht waren, im Gegensatz zu den schwächeren Antennen, für die sich in diesem Gebiet SIR-Werte <1 ergaben; ein deutliches Indiz, dass der Einfluss der leistungsstarken Antennen weiter als 10 km reicht. Da im Abstand von 10 km ein Einfluss der Antennen immer noch anzunehmen ist, kann dieses Gebiet auch nicht als Referenzgebiet benützt werden. Siehe auch: Dolk H., Shaddick G., Walls P., Grundy C., Thakrar B., Kleinschmidt I., Elliott P.: Cancer incidence near radio and television transmitters in Great Britain.1. Sutton Coldfield transmitter. American Journal of Epidemiology 1997: 145 (1), 1-9. (Art. 1131). Kommentare zur Studie von Cooper et al (1472), sowie Cherry (1473).

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Zuletzt geändert: 19.10.08