Mobiltelefone und Krebs - eine landesweite Kohortenstudie in Dänemark (2001, 2006, 2011)

 
Sowohl in einer ersten landesweiten Kohortenstudie aus dem Jahr 2001 als auch in deren Fortsetzungen 2006 und 2011 fanden dänische Forscher bei den untersuchten Handynutzern keinen Hinweis auf ein erhöhtes Krebsrisiko durch Mobiltelefonieren.

 

1. Zu den Ergebnissen der Studie aus 2011 die Zusammenfassung aus dem EMF Brief des WIK, Ausgabe 62 vom 26.10.11:

Mobiltelefon-Nutzung und Hirntumor-Risiko: Aktualisierung der dänischen Kohortenstudie

Forscher des Instituts für Krebs-Epidemiologie der Dänischen Krebsgesellschaft (Danish Cancer Society) und der Abteilung Umwelt und Strahlenschutz der Internationalen Krebsforschungsagentur IARC haben ein Update der dänischen landesweiten Kohortenstudie unter Mobilfunkkunden veröffentlicht. Bei einer Anzahl von 358.403 Kunden ergab sich die Anzahl von 3,8 Millionen Personenjahren für die Nachverfolgung von aufgetretenen Tumoren im zentralen Nervensystem der Mobilfunkkunden und eines möglichen Zusammenhangs mit ihrer Mobilfunknutzung.

Die Studie zeigte selbst bei der Personengruppe mit der längsten Mobilfunknutzung von 13 Jahren und länger kein erhöhtes Risiko für alle Tumorarten des zentralen Nervensystems. Es gab auch keine Anzeichen für ein erhöhtes Risiko gegenüber den häufigsten Subtypen von Hirntumoren, Gliomen und Meningeomen. Insgesamt liefert die Studie wenig Hinweise für einen kausalen Zusammenhang zwischen Handy-Nutzung und Hirntumor-Risiko, kann aber Risiken bei Induktionszeiträumen von 15 oder mehr Jahren und ein gering bis mäßig erhöhtes Risiko bei Vielnutzern von Mobiltelefonen nicht ausschließen. Die weitere Erforschung des krebserregenden Potenzials der Handynutzung erscheine gerechtfertigt, so die Autoren der Studie.

In einem die Publikation begleitenden Leitartikel beschreiben die Professoren Anders Ahlborn und Maria Feychting des schwedischen Karolinska Instituts die Ergebnisse als beruhigend, mahnen aber ein kontinuierliches weiteres Monitoring der Gesundheits-Register an.

Mehr Information:
Use of mobile phones and risk of brain tumours: update of Danish cohort study
Kompletter Text der Studie
British Medical Journal’s Upcoming Cell Phone Study Deeply Flawed, Say Experts
Mobilfunkkritische Kritik an der Studie
Response of first and second authors Patrizia Frei and Aslak H Poulsen to criticism passed by critical experts at Electromagnetic Health.org on their new publication
Eine Stellungnahme der Studienautoren zu der Kritik an ihrer Studie

 

 

2. Aus der Datensammlung ELMAR der Universität Basel zur Studie von 2006:

Kurzfassung der Publikation:

Ziel:
Follow-up der landesweiten dänischen Kohortenstudie zur Untersuchung des Krebsrisikos bei Mobiltelefonbenutzern. Frühere Publikation: Johansen et al., Cellular telephones and cancer - A nationwide cohort study in Denmark. Journal of the National Cancer Institute 2001: 93 (3), 203-207.

Kollektiv:
420'095 Personen über 18 Jahre (davon 357'553 Männer), die zwischen 1982 und 1995 bei einem Mobilfunkunternehmen in Dänemark als Mobiltelefonbenutzer registriert waren. Es wurden Daten bis 2002 ausgewertet.

Exposition:
Die Studienteilnehmer benutzten im Durchschnitt seit 8.5 Jahren ein Mobiltelefon (Median: 8.0 Jahre), die maximale Benutzungsdauer lag bei 21 Jahren.  

Methode:
Die Daten der Mobiltelefonbenutzer wurden mit den Daten des dänischen Bevölkerungsregisters und des Krebsregisters kombiniert. Erfasst wurden alle Neuerkrankungen an gut- und bösartigen Tumoren bis 31.12.2002. Personen, die bereits vor Beginn der Mobiltelefonbenutzung an einer Krebserkrankung litten, wurden ausgeschlossen. Die Anzahl der beobachteten Erkrankungen wurde mit den in der Allgemeinbevölkerung zu erwartenden Erkrankungsraten unter Annahme einer Poissonverteilung verglichen. Daraus ergaben sich standardisierte Inzidenzquotienten (SIRs), die für 5-Jahres-Altersgruppen und den jeweiligen Beobachtungszeitraum getrennt berechnet wurden. Zusätzlich wurde das durchschnittliche Jahreseinkommen in der Gruppe der Mobiltelefonbenutzer mit demjenigen der Gesamtbevölkerung verglichen.

Resultate:
Insgesamt wurden bei den Mobiltelefonbenutzern 14'249 Krebserkrankungen registriert, die erwartete Fallzahl lag bei 15'001, in der Gesamtkohorte bestand also kein erhöhtes Krebsrisiko (SIR: 0.95, 95%-CI: 0.93-0.97). Es zeigte sich kein statistischer Zusammenhang zwischen Mobiltelefonbenutzung und Tumoren des Gehirns oder Zentralnervensystems (SIR: 0.97), Speicheldrüsentumoren (SIR: 0.77), Augentumoren (SIR: 0.96) und Leukämie (SIR: 1.00). Hauptsächlich die Risiken für mit dem Rauchen assoziierte Tumorarten (Lunge, Kehlkopf, Mund/Rachenraum, Speiseröhre) waren bei Männern, die ein Mobiltelefon benutzten, im Vergleich zur Gesamtbevölkerung vermindert. Bei Mobiltelefonbenutzerinnen zeigten sich dagegen statistisch signifikant erhöhte Risiken für die nikotinassoziierten Krebserkrankungen (SIR: 1.11, 95%-CI: 1.02-1.21) sowie für Gebärmutterhalskrebs (SIR: 1.30, 95%-CI: 1.08-1.54) und Nierenkrebs (SIR: 1.42, 95%-CI: 1.02-1.92). In der Gesamtkohorte bestand kein signifikant erhöhtes Risiko für einzelne Hirntumorarten (Gliome: 1.01, 95%-CI: 0.89-1.14, Meningeome: 0.86, 95%-CI: 0.67-1.09, Akustikusneurinome: 0.73, 95%-CI: 0.50-1.03). Es zeigte sich kein erhöhtes Risiko für einen Hirntumor in den am stärksten exponierten Gehirnregionen (Schläfen- und Scheitellappen). Auch für Personen mit über zehnjähriger Mobiltelefonbenutzung (56 648 Teilnehmer) bestand kein erhöhtes Hirntumorrisiko (28 Fälle, SIR: 0.66 (95%-CI: 0.44-0.95) oder Leukämierisiko (32 Fälle, SIR: 1.08, 95%-CI: 0.74-1.52). Zusätzliche Daten zum Jahreseinkommen und zur Raucherprävalenz ergaben, dass die Bevölkerungsgruppe, die schon in den 1980er Jahren mit der Mobiltelefonbenutzung angefangen hat (v.a. Männer) insgesamt ein überdurchschnittlich hohes Einkommen hatte und weniger rauchte als die Gesamtbevölkerung. 

Schlussfolgerung:
Die Autoren fassen zusammen, dass in dieser Kohortenstudie keine erhöhten Risiken für Krebserkrankungen bei Mobiltelefonbenutzern beobachtet wurden. Auch für Personen mit über zehnjähriger Mobiltelefonbenutzung bestand kein erhöhtes Risiko, an einem Hirntumor oder einer Leukämie zu erkranken. Die Ergebnisse sprechen gegen einen substantiellen Zusammenhang zwischen Mobiltelefonbenutzung und Hirntumoren, die Resultate an Langzeitbenutzern sollten aber in weiteren Studien überprüft werden. Für die erhöhten Risiken von Mobiltelefonbenutzerinnen, an Gebärmutterhalskrebs oder Nierenkrebs zu erkranken, haben die Autoren keine schlüssige Erklärung. Am ehesten ziehen sie Zufallsbefunde aufgrund der vielen statistischen Vergleiche in Betracht.

Bemerkung:
Ein Vorteil des Kohortendesigns ist die vollständige Erfassung der Bevölkerung, wodurch systematische Fehler wie nichtzufällige Auswahl, unterschiedliche Beteiligungsraten und Erinnerungsprobleme der Teilnehmer vermieden werden können. Allerdings liegen keine Informationen über Risikofaktoren auf individueller Ebene vor (z.B. Rauchen, berufliche Expositionen, erbliche Vorbelastung). Wie die Autoren selbst anmerken, ist die Expositionsabschätzung anhand von Betreiberdaten mit Unsicherheiten verbunden. Mobiltelefonabonnements auf Firmennamen wurden aus der Analyse ausgeschlossen. Zudem befanden sich in der Referenzgruppe auch alle Personen, die nach 1995 mit der Mobiltelefonbenutzung begannen. Derartige Fehler in der Expositionklassifikation könnten zu einer Unterschätzung der statistischen Zusammenhänge führen. Eine spätere Auswertung der dänischen Kohortenstudie betraf das Risiko von Erkrankungen des Zentralnervensystems bei Mobiltelefonbenutzern. Die Ergebnisse sind publiziert in: Schüz et al., PLoS ONE 2009: 4 (2), e4389. 

Finanzierung:
Danish Strategic Research Council, Danish Cancer Society


Schüz J, Jacobsen R, Olsen JH, Boice Jr JD, McLaughlin JK, Johansen C: Cellular telephone use and cancer risk: update of a nationwide Danish cohort, J Natl Cancer Inst 2006; 98 (23): 1707 - 1713
Abstract

 

3. Eine Bewertung der Studie von 2001 aus dem Gutachten " Epidemiologie Krebs" von Prof. Dr. M. Blettner, Prof. Dr. K.-H. Jöckel und Prof. Dr. A. Stang

Es handelt sich um eine extrem große retrospektive Kohortenstudie, bei der ca. 420,000 Personen (dies entspricht etwa 10% der dänischen Bevölkerung), die einen Handyvertrag haben, eingeschlossen wurden. Die Krebsinzidenz der Kohorte wird mit der Krebsinzidenz der Allgemeinbevölkerung verglichen. Die Daten dieser Studie wurden auch in dänischer Sprache publiziert (Ugeskr Laeger 2002). Da die Gutachter nicht der dänischen Sprache mächtig waren, erfolgte lediglich der Vergleich der tabellarischen Ergebnisse der dänischen Publikation mit der Publikation im J Natl Cancer Inst 2001. Die Tabellen stimmen komplett hinsichtlich des Zahlenmaterials überein. Die Studie wird in mehreren ,,Letters" kommentiert (Godward, et al. (2001), Hocking et al. (2000); Hardell et al. (2001)). Anhand der Netzbetreiber Dänemarks wurden alle Mobilfunknutzer der Jahre 1982-1995 retrospektiv erfasst und anschließend mit dem Nationalen Krebsregister Dänemarks abgeglichen. Die Exposition (Radiofrequenzstrahlung durch Mobiltelefone) wurde hierbei nur mit Hilfe von Proxy- Maßen ermittelt. Je Mobiltelefonnutzer wurden die Subscriptionsdaten (Technik des Mobiltelefons: analog/digital, Dauer der Subscription (allerdings nur für digitale Mobiltelefone, Alter bei erster Subscription) erfasst. Der zu erwartende nichtdifferentielle Expositionsklassifikationsfehler sollte bei dichotomen Expositionsmerkmalen für die Effektschätzung zu einem ,,Bias towards the null" geführt haben.

Etwa 20% der identifizierten ,,Subscriber" mussten aus der Kohorte ausgeschlossen werden, da die Subscription über eine Firma stattfand (,,corporate customers") und damit eine Identifikation von Einzelpersonen nicht möglich war. Mobiltelefonnutzer dieses Teilkollektives hätten möglicherweise stark exponierte Personen sein können. Dieser Ausschluss wurde von Hocking (J Natl Cancer Inst 2001) kritisiert. Johansen et al. erläutern in ihrem Reply hierzu, dass methodischerseits das Segment der potentiellen ,,Viel-Nutzer" nicht eingeschlossen werden konnte, es allerdings nicht zu einem relevanten Bias bei der Effektschätzung mit Hilfe der Allgemeinbevölkerungsdaten kommen könnte.

Es besteht ein Healthy-worker-Effekt für Krebs als Gesamtgruppe (ICD7: 140-205), der von den Autoren auf einen Selektionsbias bei Mobiltelefonnutzern zurückgeführt wird. In der Expositionsperiode 1985-1995 war aufgrund der hohen Kosten des Mobiltelefonierens die Wahrscheinlichkeit eines Mobiltelefongebrauchs in der höheren sozialen Schicht höher als in der niedrigeren sozialen Schicht. Die höhere soziale Schicht weist niedrigere Prävalenzen des Rauchens und des erhöhten Alkoholkonsums (als auch weiterer Risikofaktoren von Krebserkrankungen) auf, so dass ein Rauchen und Alkoholkonsum möglicherweise die Ergebnisse konfundiert hatten. Hierfür spricht das besonders stark erniedrigte relative Risiko für Malignome der Lunge (Männer RR=0.65, 95%CI 0.58-0.73). Für Hirntumoren sind die Faktoren ,,Sozialschicht", ,,Rauchen" und ,,Alkoholkonsum" keine relevanten Risikofaktoren, so dass ein Confounding durch diese Faktoren als unwahrscheinlich angesehen wird. Die Studie zeigt kein erhöhtes Risiko für Hirntumoren (bei 154 eingeschlossenen Fällen).

Die Belastbarkeit der Studie ist eingeschränkt, da die Expositionsdaten unzureichend sind und ein Vergleich mit der dänischen Allgemeinbevölkerung als problematisch anzusehen ist, da ein Großteil der Bevölkerung als ,,exponiert" betrachtet werden muss. Dieses Argument wurde u.a. auch von Godward et al. (J Natl Cancer Inst 2001) vorgebracht. Die Expositions-Kontamination der Nichtexponierten Gruppe in der Kohorte (Allgemeinbevölkerung) führt zu einer Unterschätzung eines Zusammenhangs zwischen Mobiltelefonexposition und Krebsrisiko. In ihrem Reply führen Johansen et al. weitere Analysen an, die zeigen, dass diese Kontamination nur einen geringen Effekt haben kann, solange die Anzahl der Krebserkrankungen in der Kohorte im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung klein ist. Sie ermittelten, dass nur etwa 1% aller Krebserkrankungen in Dänemark im Follow-up Zeitraum innerhalb der Kohorte auftrat. Hinzu kommt, dass die mediane Follow-up Zeit 3.1 Jahre betrug und somit nur Mobilfunk-Effekte mit kurzer Latenzzeit untersucht werden konnten. Die Subscriptionsdauer von digitalen Mobiltelefonen betrug bei 92% der Kohortenmitglieder weniger als 3 Jahre, so dass keine hohen kumulativen Expositionsdosen angesammelt wurden. Weiterhin kritisieren Hardell et al. zu Recht in ihrem Letter, dass Johansen et al. keine separaten OR für analoge und digitale Mobiltelefone präsentieren.

 

Dieses hier auszugsweise wiedergebene Gutachten entstand als Teil eines von der T-Mobil beauftragten Forschungsvorhabens der Programmgruppe Mensch Umwelt Technik (MUT) des Forschungszentrums Jülich, welches 25 Spitzenforscher aus Deutschland und der Schweiz zu einem Risikodialog über die Bewertung neuerer Forschungsergebnisse zusammenbrachte.
Mehr Information und zum Download

Johansen, C., Boice, J. D., McLaughlin, J. K., and Olsen, J. H.: Cellular telephones and cancer - A nationwide cohort study in Denmark. J. National Cancer Institute 93 (2001) 203-207
Abstract
Zusammenfassung im EMF-Portal
Zusammenfassung bei ELMAR

 

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Zuletzt geändert: 17.11.11