Sterblichkeit durch Tumorbildung und Mobilfunkmasten im Stadtgebiet von Belo Horizonte, Brailien (2011)

 
Hierzu die Zusammenfassung der Studie aus der Literaturdatenbank ELMAR des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Basel:

Kurzfassung der Publikation:

Ziel:
Ökologische Studie zur Sterblichkeit an Tumorerkrankungen bei Anwohnern in der Umgebung einer Mobilfunkbasisstation in der brasilianischen Stadt "Belo Horizonte".

Kollektiv:
Die Stadt liegt im Südosten Brasiliens und hat ca. 2.3 Millionen Einwohner. Analysiert wurden die Todesfälle bei Erwachsenen und Kindern (0 bis 99 Jahre).

Exposition:
Die Mobilfunkbasisstationen wurden im entsprechenden Register identifiziert und geokodiert. Im Jahr 2003 waren in der ganzen Stadt ca. 474 Basisstationen vorhanden, im Jahr 2006 gab es 856 Basisstationen. Für die Auswertungen wurde die kürzeste Entfernung von der Wohnadresse bis zur nächsten Basisstation berechnet. Seit 2008 existiert zusätzlich ein Monitoringsystem zur Messung der Hochfrequenzexposition.

Methode:
Die Auswertungen basierten auf drei Datenbanken: 1) Sterberegister der städtischen Gesundheitsbehörde, 2) Register für Mobilfunkbasisstationen der brasilianischen Agentur für Telekommunikation (ANATEL), 3) Bevölkerungsregister des nationalen Instituts für Geographie und Statistik. Diese Daten wurden gemäss der jeweiligen Parzelle ("census tract") geokodiert. Zunächst wurden alle Todesfälle durch Tumorerkrankungen in Belo Horizonte zwischen 1996 und 2006 erfasst. Daraus wurden Sterbefälle mit Tumordiagnosen (Codierung nach ICD-10) ausgewählt, die in früheren Studien im Zusammenhang mit EMF untersucht worden waren. Diese Todesfälle wurden zu 10 Umkreisen mit Radien von 100 bis 1000 m um eine Basisstation herum zugeordnet. Dafür wurde jeweils nur die erste lizensierte Basisstation des Mobilfunknetzes verwendet, der der Anwohner möglicherweise exponiert war. Für diese Basisstation wurde die kürzeste Entfernung zur Wohnadresse berechnet. Die Expositionsdauer wurde anhand der Jahre zwischen der Erstinstallation der Basisstation und dem Sterbedatum abgeschätzt. Um die Mortalitätsraten für die einzelnen Radien zu berechnen, wurde die Anzahl der Todesfälle durch die Bevölkerung unter Risiko geteilt. Ab dem zweiten Umkreis (100 bis 200 m) wurden die Todesfälle und die Bewohnerzahlen jeweils zur entsprechenden Anzahl in den vorhergehenden Kreisen dazugezählt.

Resultate:
Im Beobachtungszeitraum von 1996 bis 2006 wurden in Belo Horizonte 22'493 Todesfälle aufgrund von Tumorerkrankungen registriert. Für Tumordiagnosen, die bereits früher im Zusammenhang mit EMF untersucht worden waren, lagen 12'094 Todesfälle vor. Eine Zuordnung zu einer bestimmten Mobilfunkbasisstation gemäss der ersten Lizenzierung erfolgte für 7'191 Fälle. Die häufigsten Todesursachen waren bösartige Tumoren der Lunge und der Bronchien (19.55%), gefolgt von Magenkarzinomen (14.05%), Prostatakrebs (12.57%) und Brustkrebs (11.53%). Im Umkreis von 100 m um eine Basisstation herum ereigneten sich 3'569 Todesfälle (49.63%), zwischen 100 und 200 m waren 1'408 Todesfälle zu verzeichnen. Von 200 bis 300 m wurden 973 Todesfälle registriert, von 300 bis 400 m waren es 482 Fälle. Im Abstand von 400 bis 500 m wurden 292 Todesfälle gezählt. Aus diesen Zahlen (und den weiteren bis zum Abstand von 1000 m) ergab sich für den kleinsten Umkreis (bis 100 m) eine Sterberate von 43.4 Personen pro 10'000 Einwohner. In der Gesamtbevölkerung betrug sie 32.1 Personen. Daraus errechnete sich ein relatives Risiko von 1.35. Im zweiten Umkreis (100 bis 200 m) lag die Sterberate bei 40.2 Personen pro 10'000 Einwohner und das relative Risiko bei 1.25. Mit zunehmender Distanz zur Basisstation nahm die Sterberate weiter ab. Die meisten Sterbefälle lagen für den Zeitraum von ein bis zwei Jahren nach Installation der Basisstation vor (n=1929). Mit zunehmender Expositionsdauer nahmen die Todesfälle ab (z.B. 259 nach 7 bis 8 Jahren). Die Hochfrequenzmessungen ergaben für das südliche Zentrum der Stadt mit der höchsten Basisstationsdichte Werte zwischen 0.4 und 12.4 V/m und einen Mittelwert von 7.32 V/m.

Schlussfolgerung:
Die Autoren sehen in den Ergebnissen Hinweise auf eine räumliche Korrelation zwischen der Distanz zur nächsten Mobilfunkbasisstation und der Tumorsterblichkeit. Sie empfehlen, diese Resultate in Studien mit individuellen Daten zur tatsächlichen Exposition und Risikofaktoren für Tumorerkrankungen zu überprüfen und bis dahin die Hochfrequenzbelastung vorsorglich zu reduzieren. 

Bemerkung:
Die Aussagekraft dieser Studie wird dadurch eingeschränkt, dass keine Informationen über die tatsächliche Hochfrequenzbelastung der einzelnen Personen vorlagen. Die Entfernung von einer Basisstation sagt wenig über die Exposition der Anwohner in der Umgebung aus, weil die Ausbreitung der hochfrequenten Felder sehr inhomogen ist und von vielen Faktoren beeinflusst wird. Zudem wurde nicht berücksichtigt, wie lange die Personen vor ihrer Erkrankung an der entsprechenden Adresse gewohnt hatten. Risikofaktoren für Tumorerkrankungen wie Rauchen, berufliche Expositionen oder Vererbung wurden ebenfalls nicht berücksichtigt. Auch bei der Methodik der Datenauswertung bleiben einige Fragen offen: Von den insgesamt registrierten 22'493 Todesfällen kamen nur 7'191 in die Endauswertung, fast zwei Drittel wurden nicht beachtet. Bei der Berechnung der Sterblichkeitsraten wurde die Altersstruktur in der zugrundeliegenden Bevölkerung nicht beachtet, und es ist unklar, warum die Todesfälle in den Kreisen um die Basisstation herum aufsummiert wurden. Ausserdem wurden alle Tumorarten und Altersgruppen (0 bis 99 Jahre) gemeinsam ausgewertet.

Finanzierung:
Keine Angabe

Mehr Information:
Mortality by neoplasia and cellular telephone base stations in the Belo Horizonte
municipality, Minas Gerais state, Brazil
Die Komplettausgabe der Studie
Zusammenfassung im EMF-Portal

 

 

 

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Zuletzt geändert: 17.11.11