Dialog zwischen Ralf Dieter Wölfle und Dr. Joachim Mutter

 
Am 11. Dezember 2009 veröffentlichte die Schwäbische Zeitung ein Interview mit dem Umweltmediziner Dr. Joachim Mutter zur Gefährlichkeit von Handystrahlung speziell für Kinder. Dieses Interview war die gekürzte Version eines kompletten Textes, welcher nachträglich von Dr. Mutter sowohl über seinen Newsletter als auch im Internet zusätzlich verbreitet wurde:

Handystrahlung lässt Hirnkrebsrisiko steigen
Der Text des gekürzten Interviews in der Schwäbischen Zeitung, als Kopie bei gigaherz.ch.
Handystrahlung lässt Hirnkrebsrisiko steigen
Der ungekürzte Text des Interviews, im Webportal medivere.de, in dessen Wissenschaftlichen Beitrag Dr. Mutter Mitglied ist.

Da dieses Interview sowohl in der gekürzten als auch besonders in der kompletten Version eine Reihe von Irreführungen, Verfälschungen und Unwahrheiten enthielt, fühlte ich mich am 17. Dezember 2009 zu einem kurzen Schreiben an Dr. Mutter und die Redaktion der Schwäbischen Zeitung veranlasst, aus dem sich dann ein in mehrerlei Hinsicht bemerkenswerter Dialog entwickelte:

 Mail 1: Erstes Schreiben von mir an Dr. Mutter vom 17.12.09
 Mail 2: Erster Teil der Antwort von Dr. Mutter an mich vom 20.12.09
 Mail 3: Zweiter Teil der ersten Antwort von Dr. Mutter an mich vom 20.12.09
 Mail 4: Zweites Schreiben von mir an Dr. Mutter vom 21.12.09
 Mail 5: Antwort von Dr. Mutter vom 23.12.09 auf mein zweites Schreiben
 Mail 6: Antwort von mir vom 23.12.09 auf die vorangegangene Antwort von Dr. Mutter
 Mail 7: Anmerkungen von mir vom 23.12.09 auf eine der Aussagen von Dr. Mutter in seiner Antwort vom 23.12.09

Der Leser dieser Schreiben wird in den Antworten von Dr. Mutter keine einzige vernünftige Aussage zu meinen in Mail 4 als Beispiele genannten Kritikpunkten finden, dagegen neben den üblichen Allgemeinplätzen sogar vielmehr noch einen weiteren Irrtum (siehe Mail 6).
Doch darüber hinaus erstaunen noch folgende Umstände: Dr. Mutter verteilte bereits mit seiner ersten Antwort (Mail 2) diesen Schriftwechsel ungefragt an über 50 weitere Empfänger, darunter eine Vielzahl bekannter Mobilfunkkritiker und Vertreter der Medien und Umweltmedizin (Namen und Adressen wurden von mir in den o. g. Kopien unkenntlich gemacht). Die Mail Nr. 7 beschreibt zudem noch einen weiteren Vertrauensbruch und Unredlichkeit von seiner Seite, was beides nicht nur für einen Arzt völlig inakzeptabel ist und dennoch bisher ohne jede Entschuldigung oder zumindest Erklärung geblieben ist.

Weiterhin bemerkenswert ist die Art und Weise, wie dieser Schriftwechsel letztendlich ins Internet gelangt ist: Es wurden zunächst nur die Mails 1 bis 5 über den Newsletter der Omega-News vom 29.12.09 verteilt (und später der Bürgerwelle), worauf es zu Reaktionen in den Foren von h.e.s.e.-project und dem IZgMF kam und ich schließlich die Mails 6 und 7 zur Vervollständigung dort einstellte. Wer deren Inhalte gelesen hat, der versteht, weshalb diese der Mobilfunkkritikergemeinde ursprünglich vorenthalten werden sollten, obwohl sie am selben Tag wie die Mail 5 an den gleichen Empfängerkreis verteilt wurden.

Dialog zwischen Dr. Mutter und dem Mobilfunklobbyisten Rainer Dieter Wölfle
Der Beitrag im HLV Info 062 vom 29.12.09, mit den Mails 1-5 und verlinkt im Newsletter der Bürgerwelle vom 31.12.09.
Dialog zwischen Dr. Mutter und Ralf Dieter Wölfle
Der Thread im Forum des h.e.s.e-project (enthält auch Beiträge von mir mit den Mails 6 und 7)
Dialog zwischen Dr. Joachim Mutter und Ralf-Dieter Wölfle
Derr Thread im Forum des IZgMF

 
Insgesamt bleibt mir als Kommentar zu all diesem nur jenes zu schreiben, was ich bereits im Forum des IZgMF eingetragen habe:

"Persönlich kann ich nur noch staunen, wie sich eine kleine Mail als Ausgangspunkt ohne proaktivem Zutun meinerseits u.A. durch ungefragtes Verteilen, falsches Erinnern, Verfälschen von Inhalten und gezielt nur teilweiser Weitergabe zu einem, wie ich meine, absolut blamablen Tiefpunkt der Mobilfunkkritik auswächst. Auch wenn das manche vielleicht erst nach und nach in allen Facetten begreifen, einige wenige womöglich auch nie.

Völlig unter den Tisch fällt dabei die inhaltliche Auseinandersetzung mit meinen Argumenten, wobei mir dafür die mögliche Antwort leichtfällt: Es gibt schlichtweg kaum etwas dagegen zu sagen, eher besteht die offenbar erkannte und auch berechtigte Gefahr noch mehr unter die Räder zu kommen."


 

Der Schriftwechsel mit Prof. Dr. A. Lerchl

Dr. Mutter erhielt neben meinen eigenen Schreiben auch Fragen von Prof. Dr. A. Lerchl von der Jakobs University Bremen und derzeitigem Leiter des Ausschusses Nichtionisierende Strahlen der Strahlenschutzkommission (SSK). Diese beantwortete er in einer "offenen Antwort" am 06.02.10:

Antwort von Dr. Joachim Mutter auf die Kritik von Prof. Alexander Lerchl, Februar 2010
Dokumentation zur Antwort von Dr. Joachim Mutter auf die Kritik von Prof. Alexander Lerchl

Diese Antwort von Dr. Mutter enthält ebenso wie die zugehörige "Dokumentation" und bereits das Interview die auch von anderen Mobilfunkkritikern bekannte Mixtur aus Selektionen, Halbwahrheiten und Verzerrungen unter Hinzunahme unqualifizierter Quellen.

Als erstes Beispiel möge die Antwort von Dr. Mutter gleich in seinem ersten Kritikpunkt dienen, wo er schreibt:

Sie kritisieren meine Aussage: "Die im Mutterleib bestrahlten Kinder litten häufiger an Aufmerksamkeitsstörungen als ihre vorgeburtlich unbestrahlten Genossen.“
Sie schreiben, dass der von mir hergestellte Zusammenhang zwischen elektromagnetischen Feldern und Verhaltens- und Entwicklungsstörungen bei Kindern, auch zu ADHS in keiner Weise belegt sei. Gerade aber die Studie von Divan et al. (2008) 9 hat diese Zusammenhänge durchaus belegt.

Im der Komplettversion und teilweise auch im Abstract der erwähnten Studie von Divan et al. (2008) steht jedoch ganz klar, siehe dazu auch die Stellungnahme des BfS:

Examination of the possible effect of prenatal and postnatal cell phone exposure on cognitive development and behavior is best done in a longitudinal study. Our results need to be replicated; they only suggest that cell phone use during critical periods of brain development in pregnancy and early childhood could be a potential risk factor for behavioral problems in children. We hope others will be able to pursue this question in other cohorts of children. The observed associations may be noncausal and due to unmeasured confounding; however, if they are real they would have major public health implications.

Die Originalaussage der Studie lautet also unmissverständlich, dass die Ergebnisse noch bestätigt werden müssen und dass die gefundenen Zusammenhänge nicht zwangsläufig auf elektromagnetische Felder zurückzuführen sind.
Dr. Mutter fasst das Studienergebnis mit seiner Bewertung "durchaus belegt" somit nicht wahrheitsgetreu zusammen und zeigt mit dieser kleinen "Interpretation" ein typisches Ergebnis unsolider Mobilfunkkritik: Zusammenhänge als "bewiesen" darzustellen, obwohl sie es keineswegs sind.

Ein zweites Beispiel ist die Antwort von Dr. Mutter in dem zweiten Kritikpunkt, wo er schreibt:

Sie kritisieren meine Aussage, Prof. L. Hardell hätte eine bis zu fünffache Tumorhäufigkeit durch Handynutzung festgestellt, als unwahr und weisen jeden Zusammenhang zwischen Handynutzung und Tumoren zurück.

Tatsächlich hat Prof. Lerchl in seinen beiden Mails an Dr. Mutter zu diesem Thema jedoch nur folgendes geschrieben:

Sie verweisen auf einen Studie der WHO: "Dabei kam heraus, dass junge Erwachsene, die in ihrer Kindheit oder Jugend mit dem Handy telefonierten, ein 5,2-fach erhöhtes Risiko haben an einem bösartigen Hirnkrebs zu erkranken, im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die nie mit dem Handy telefonierte."
Welche "WHO Studie" meinen Sie?

......

Ebenso behaupten Sie, dass "tödliche Gehirnkrebse bei Kindern deutlich" zunehmen und sogar die Blutkrebshäufigkeit "fast überholt" hätten. Warum sagen Sie so einen Unsinn, der auch noch so leicht als Unsinn zu identifizieren ist? Was wollen Sie erreichen?

Prof. Lerchl erwähnte also mit keinem Wort Prof. Hardell, der in dem Interview auch nicht namentlich genannt wurde und weist auch an keiner Stelle seiner Mails "jeden Zusammenhang zwischen Handynutzung und Tumoren" zurück.
Dr. Mutter betreibt somit in diesem Fall, wie auch bei mir selbst und in meiner o. g. Mail 7 beschrieben, eine bemerkenswerte Zitatverfälschung und verschweigt zudem, dass dieses Ergebnis von Prof. Hardell auf dem Vergleich von gerade einmal 15 Fällen mit 14 Kontrollen beruht sowie dass der zugehörige Beobachtungszeitraum im Jahr 2003 geendet hat.

Nach der Verbreitung dieser Antwort stellte Prof. Lerchl seine an Dr. Mutter gerichteten Mails zur Verfügung, dazu verfasste er auch eine ebenso "Offene Antwort". Diese wiederum wurde von Dr. Mutter am 18.03.10 erwidert, wobei er erneut nicht darauf verzichten wollte, in seiner Darstellung von Studienergebnissen weitere Verfälschungen einzuflechten.

Die beiden Mails von Prof. Lerchl an Dr. Mutter (Kopie beim IZgMF, mit Kommentar von Prof. Lerchl)
OFFENE ANTWORT von Prof. Lerchl vom 11.02.10 auf die Antwort von Dr. Mutter
Stellungnahme von Dr. Mutter zur Antwort von Prof. A. Lerchl vom 11.02.2010 (18.03.2010)

 

Fazit

Jeder im Gesundheitsbereich tätige Fachmann hat unangefochten das Recht, über potentielle Gesundheitsgefahren elektromagnetischer Felder zu referieren und zu informieren. Dabei liegt es auch in seinem ebenso unangefochtenen Ermessen, dem Vorsorgegedanken folgend besonders kritischen Forschungsergebnissen eine erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen und diese in Relation zu eher beruhigenden Aussagen hervorzuheben.

Auch Dr. Mutter pocht in besonderem Maß auf dieses Recht, überreizt und missbraucht es jedoch an vielen Stellen in gerade für einen Arzt verantwortungsloser Weise. Denn dieses Recht schließt keineswegs die Berechtigung ein, vorhandenen Forschungsergebnissen oder sonstigen Gegebenheiten eine Aussage zuzuschreiben oder hinzuzufügen, die im Original so nicht vorhanden ist. Ebensowenig beinhaltet es die Berechtigung, die Leser- oder Zuhörerschaft durch gezielte Auslassungen oder leicht missverständliche Formulierungen gezielt zu falschen Schlüssen zu verleiten, was gerade gegenüber Menschen ohne Vorkenntnissen besonders einfach wie verwerflich ist. Die ärztliche Sorgfaltspflicht sollte es auch nicht gestatten, unfundierte oder falsche Aussagen aus unqualifizierten Quellen wie beispielsweise Boulevardzeitungen oder Laienorganisationen ungeprüft als "Tatsachen" weitergeben und ihnen damit den Anschein einer Expertenaussage zu verleihen. Und es ist auch ein sehr fragwürdiges Verhalten, begründete Kritik an eigenen unwahren Aussagen nicht nur inhaltlich zu ignorieren, sondern durch Projektion auf andere, ursprünglich keineswegs erwähnte Bereiche bereits grundsätzlich in Zweifel zu ziehen und zu entwerten.
Dr. Mutter setzt solche unangemessenen Mittel in auffälliger Weise ein und charakterisiert sich zudem durch ein unwürdiges Fehlverhalten gegenüber Menschen, die nicht in seinem Sinne auftreten. Denn auch das ungefragte Weiterverbreiten persönlicher Kommunikation entspricht keineswegs ethisch einwandfreien Gepflogenheiten und wenn dabei auch noch Passagen daraus in völlig verfälschter Weise zitiert und in dieser dann sinnentstellten Form zudem als Grundlage für eigene Vorwürfe herangezogen werden, wie von Dr. Mutter mehrfach getätigt, dann überschreitet dieser Mangel an Anstand jedes akzeptable Maß.

Jeder Fachkollege, Anhänger oder auch Patient von Dr. Mutter sollte sich daher ernsthaft fragen, in welchem Umfang er diesem Arzt noch sein Vertrauen schenken kann und ob er nicht doch die eine oder andere seiner Aussagen bzw. Behauptungen unter Hinzuziehung originaler Quellen überprüfen sollte.
Und auch Dr. Mutter sollte sein Verhalten kritisch darauf hinterfragen, ob er er damit nicht die Glaub- und Vertrauenswürdigkeit seines gesamtes Berufsstandes gefährdet; gerade auch durch die Manipulation von Fachkollegen, die aus Mangel an eigener qualifizierter Fachkenntnis seinen Ausführungen kritiklos folgen und diese weiterverbreiten.

 

Mehr Information

Esowatch zu Dr. Joachim Mutter
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Zuletzt geändert: 19.03.10