Dipl. Ing. Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz
Evangelische Akademie Loccum, 11.2. bis 13.2.2002

Öffentliche und private Vorsorge beim Schutz vor elektromagnetischen Feldern

- Es gilt das gesprochene Wort! -

Anrede

Ich freue mich, dass ich Ihnen zum Auftakt der Tagung der Akademie zu den "Strahlungsrisiken des Mobilfunks" die Position des Bundesamtes für Strahlenschutz darlegen kann. Dieses freut mich um so mehr, da bekanntermaßen das BfS bislang in Niedersachsen und gerade auch hier in der Akademie weniger als Verbraucherschutzbehörde, denn in seiner Funktion als zuständige staatliche Institution für die Endlagerung von atomaren Abfällen sich einen Namen gemacht hat.

Die Akademie Loccum hat einmal mehr ein gesellschaftspolitisch relevantes Thema aufgegriffen und bietet damit den Raum für einen offenen Austausch der unterschiedlichen Positionen. Mir ist es jedenfalls ein wichtiges Anliegen, mit allen in diesem Bereich tätigen Interessensgruppen den Dialog zu suchen, um weitere Entscheidungen auf einer möglichst breiten Informationsbasis treffen zu können. Diese Veranstaltung kann m.E. hierbei eine wichtige Funktion erfüllen.

Bevor ich auf das Thema der öffentlichen und privaten Vorsorge im Bereich des Mobilfunks eingehe, möchte ich kurz den Stand der Diskussion um die Umweltverträglichkeit des Mobilfunks darlegen:

Mit der Installation von Tausenden von Sendeanlagen für die Einführung der UMTS-Technologie ist aus den schon länger bekannten lokalen Initiativen gegen Sendemasten eine nahezu flächendeckende Diskussion um mögliche Gesundheitsgefahren entstanden. Da der Mensch keine eigenen Sensoren für Strahlenbelastungen besitzt, bilden oft weniger die realen Strahlenrisiken die Grundlage für die Verunsicherung, sondern der Faktor "Angst vor dem Unbekannten". Entscheidend beigetragen hat dazu die Tatsache, dass diese Ängste lange Zeit unterschätzt, subjektive Beeinträchtigungen des Wohlbefindens als "Spinnerei" abgetan und wissenschaftliche Hinweise auf Risiken als Einzelmeinung ignoriert wurden. Gleichzeitig wurde der Vorwurf gegen die politisch Verantwortlichen laut, dass man erst die UMTS-Lizenzen für Milliarden veräußert habe und nun nicht mehr über die Risiken sprechen wolle.

Festzuhalten ist, dass in der Tat einmal mehr viele der Meinung waren, dass man nur laut genug über die Segnungen einer neuen Technologie reden müsse, damit die "Bedenkenträger" verstummen. Dass die Aufstellung der Sendemasten auf Wohnhäusern und öffentlichen Gebäuden den Charakter von Verschlusssachen erhielten, trug ein Übriges dazu bei. Eine Folge der mangelnden frühzeitigen Aufklärung ist die oben beschriebene breite Verunsicherung.

Was kann und wird das BfS zur Aufklärung beitragen?

Das Bundesamt für Strahlenschutz hat im Zusammenhang mit der Bewertung des Mobilfunks drei wichtige Aufgaben zu erfüllen: die Beratung der Bundesregierung - die Information der Öffentlichkeit die Initiierung von Forschung.

Der Mobilfunk ist eine wichtige, zukunftsweisende Technologie.

Der Mobilfunk bringt viele Vorteile, nicht nur wenn wir an die schnelle Erreichbarkeit bei Hilfsfällen aller Art denken. Er greift auch stark in den beruflichen und privaten Alltag ein. Das äußert sich zum Beispiel bei immer deutlicher bemerkbaren Veränderungen des Sozialverhaltens - etwa in der Art, wie heutzutage Verabredungen getroffen werden und der Mobilfunk wird in der Zukunft noch an Bedeutung gewinnen. Das ist spätestens seit der Versteigerung der UMTS-Lizenzen, der nächsten Generation des Mobilfunks, deutlich geworden.

Wie so häufig in der Vergangenheit, drängt sich jedoch auch hier bei einer wirtschaftlich so bedeutenden Technologie die Frage auf, ob der Umwelt- und Gesundheitsschutz - hier konkret der Strahlenschutz - sich hinten anstellen muss?

Gerade weil es sich um eine wichtige und zukunftsträchtige Technologie handelt, ist es nicht zuletzt auch im Interesse der Hersteller und Betreiber, wenn u.a. das Bundesamt für Strahlenschutz sich für eine umfassende strahlenhygienische Beurteilung des Mobilfunks einsetzt.

Dabei folge ich zwei Grundsätzen:

1.

 

Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überprüfen kontinuierlich, ob es wissenschaftliche Nachweise für gesundheitliche Risiken bei Intensitäten unterhalb der Grenzwerte gibt.

2.

 

Das BfS setzt sich für Vorsorge ein - unnötige Expositionen müssen vermieden und unvermeidbare Expositionen müssen so weit wie möglich minimiert werden.

Das bedeutet: Vorsorge und Grenzwerte sind keine Gegensätze, sondern ergänzen sich.

Der Schutz der Gesundheit der Menschen, die den Mobilfunk selbst nutzen, aber auch derjenigen, die in der Nähe von Sendeanlagen wohnen, muss sichergestellt sein. Nur dann kann und darf der Mobilfunk in unserer Gesellschaft eine Zukunft haben.

Wie ist die gegenwärtige Situation?

Lange Zeit war der Schutz vor elektromagnetischen Feldern in Deutschland nur auf Zusammenhänge fixiert, die als "wissenschaftlich nachgewiesen" eingestuft wurden. Hier haben die Internationale Kommission zum Schutz vor Nichtionisierender Strahlung (ICNIRP) und die Strahlenschutzkommission (SSK) wichtige Arbeiten geleistet.

Entsprechende Grenzwerte wurden mit der 26. Verordnung zur Durchführung des Bundesimmissionsschutzgesetzes (26.BImSchV) im Jahre 1997 rechtlich festgelegt.

Das Ziel dieser Grenzwerte ist es, vor wissenschaftlich nachgewiesenen Risiken zu schützen.

Das BfS prüft kontinuierlich, ob dieses Ziel auch in Anbetracht des neuesten, wissenschaftlichen Kenntnisstandes tatsächlich erreicht wird. Das Ergebnis einer solchen aktuellen Prüfung ist eindeutig: Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis für ein Risiko, vor dem die Grenzwerte nicht schützen.

Dies wird auch durch die Empfehlungen der SSK vom September 2001 bestätigt.

Der Schutz vor nachgewiesenen Risiken durch entsprechende Gesetze ist jedoch kein Erfolg, auf dem es sich ausruhen lässt, sondern eine Selbstverständlichkeit. Daher setze ich mich mit Nachdruck dafür ein, dass dem Vorsorgegedanken verstärkt Rechnung getragen wird. Der Strahlenschutz muss sich im Interesse der Verbraucherinnen und Verbraucher auch möglichen Risiken stellen, d. h. der Vorsorgegedanke muss bei allen Entscheidungen und Bewertungen stärker berücksichtigt werden.

Bis in jüngste Zeit wurden wissenschaftliche Hinweise als nicht relevant abgetan, da sie keine wissenschaftlichen Nachweise von Risiken darstellen. Entsprechend wurden die Sorgen und Ängste der Bevölkerung behandelt.

Das war falsch und hat allen Beteiligten einschließlich den Mobilfunkbetreibern geschadet und es hat die Menschen verunsichert.

Hunderte von Bürgerinitiativen haben sich gebildet aber auch viele Einzelne fühlen sich durch Sendeanlagen bedroht. Gleichzeitig drängt sich Ihnen der Eindruck auf, dass sie von vielen staatlichen Stellen allein gelassen werden.

Ich kann dieses nachvollziehen. Wurden doch lange Zeit - und teilweise noch bis heute - Mobilfunkbasisstationen ohne Rücksichtnahme auf die jeweiligen Gegebenheiten errichtet - meistens sogar ohne irgendeine vorherige Information der betroffenen Bürgerinnen und Bürger.

Dass dabei Befürchtungen vor dem, was da "heimlich" errichtet wurde, entstanden sind, ist leicht nachvollziehbar.

Vorsorge bedeutet hier konkret, die Information vor der Schaffung von Fakten zu verbessern.

Ich hoffe sehr, dass die am 6. Dezember des letzten Jahres gegenüber der Bundesregierung abgegebene Selbstverpflichtung der Mobilfunkbetreiber dazu beitragen wird, dass die Kommunen rechtzeitig in die Planungen der Netzbetreiber einbezogen werden und sie somit Einfluss auf die Standortwahl nehmen können. Die Mitte letzten Jahres geschlossene Vereinbarung zwischen den Kommunalen Spitzenverbänden und den Mobilfunkbetreibern hat offensichtlich bereits zu einer verbesserten Informationspolitik der Mobilfunkbetreiber geführt. Ich höre aber auch immer wieder Klagen, dass die Vereinbarung nicht ausreichend umgesetzt werde. Wir müssen sehr genau beobachten, ob die Erwartungen hinsichtlich einer weiteren Verbesserung der Situation auch erfüllt werden.

Manchmal wird der Vorwurf erhoben, die Forderung nach Vorsorge im Bereich des Mobilfunks sei populistisch und hätte nichts mit dem wissenschaftlichen Kenntnisstand zu tun. Derartige Äußerungen scheinen interessengeleitet zu sein.

Entscheidend ist, dass es bei der Bewertung des wissenschaftlichen Erkenntnisstandes eben nicht ausreicht, nur zwischen "wissenschaftlich nachgewiesen" oder "nicht nachgewiesen" zu unterscheiden.

Vielmehr müssen auch wissenschaftliche Hinweise und Verdachtsmomente berücksichtigt werden.

Die nüchterne Bewertung des Erkenntnisstandes zeigt, dass wissenschaftliche Hinweise auf mögliche Risiken tatsächlich bestehen. Ein "Nicht-Sehen-Wollen" bzw. das "Wegdiskutieren" dieser Erkenntnisse mag kurzfristig vielleicht helfen - langfristig wird es nicht zur Akzeptanz der technischen Infrastruktur beitragen.

Unter Hinweisen verstehe ich die Ergebnisse einzelner Studien, wie die in den letzten Tagen in der Tagespresse zu lesenden Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit von Nematoden. Dabei handelt es sich um Einzelbefunde, die von anderen Forschergruppen reproduziert werden müssen. Solche Hinweise sind bisher nicht durch das wissenschaftliche Gesamtbild gestützt. Diese Ergebnisse würden bei einem Beharren auf einen wissenschaftlichen Nachweis zumindest noch längere Zeit unberücksichtigt bleiben.

In bezug auf die Wirkungen der Felder des Mobilfunks heißt dies unter anderem, dass die Ergebnisse einiger Studien biologische Effekte, wie die Veränderung von Hirnströmen, gezeigt haben, die bei Feldintensitäten auftreten, denen Handynutzer ausgesetzt sein können.

Diese Effekte beweisen kein gesundheitliches Risiko, sie zeigen aber, dass bislang wissenschaftlich nicht erklärte Wirkungsmechanismen dieser Felder existieren könnten.

Vorsorge ist also nicht trotz, sondern wegen der bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu fordern.

Eine Quantifizierung der möglichen Risiken ist nicht möglich, da ja gerade eine wissenschaftliche Charakterisierung fehlt. Was wir aber wissen, ist, dass die bisherigen, weltweiten Forschungsanstrengungen keinen wissenschaftlichen Nachweis der gesundheitlichen Risiken geliefert haben und dass ein großes Risiko wahrscheinlich nachgewiesen worden wäre.

Die möglichen Risiken, um die es hier geht, sind daher als klein einzuschätzen.

Gering ist somit auch die Wahrscheinlichkeit für den Einzelnen, durch elektromagnetische Felder des Mobilfunks geschädigt zu werden.

Es ist aber zu berücksichtigen, dass von diesen wahrscheinlich geringen Risiken Millionen von Menschen in Deutschland betroffen sein könnten.

Es ist also weder angebracht, Horrorszenarien zu entwerfen, noch kann die Notwendigkeit von Vorsorge ernsthaft bestritten werden. Vielmehr besteht für den Strahlenschutz ein Handlungsbedarf im Sinne der Vorsorge.

Welche Maßnahmen sind zu ergreifen?

Vorsorgemaßnahmen müssen drei verschiedene, sich ergänzende Bereiche umfassen: Das sind Maßnahmen,

1.

 

die eine möglichst geringe Exposition durch den Mobilfunk sicherstellen.

2.

 

Maßnahmen, die sicherstellen, dass die Bevölkerung ausreichend informiert ist und in Entscheidungen wie z.B. die Errichtung von Sendemasten, eingebunden wird und

3.

 

Maßnahmen, die offene wissenschaftliche Fragen durch zielgerichtete Forschung klären.

Die geforderten Akteure bei der Umsetzung von Vorsorgemaßnahmen können sich nicht auf staatliche Stellen beschränken. Vielmehr sind mindestens in gleicher Weise die Netzbetreiber, die Hersteller von Mobiltelefonen und auch die Nutzerinnen und Nutzer dieser Technologie gefordert. Wie Grenzwerte und Vorsorge einander ergänzen, müssen sich bei den Vorsorgemaßnahmen selbst die einzelnen Akteure ergänzen.

Ich habe daher veranlasst, dass sich das BfS als einer der wichtigen Beteiligten für die Umsetzung eines Vorsorgepaketes einsetzt, das drei Bereiche umfasst:

Möglichst geringe Exposition, Aufklärung / Information und Forschung.

Zur Erfüllung des ersten Punktes stehen unterschiedliche Möglichkeiten zur Verfügung:

Wie Sie wissen, haben z.B. die Schweiz und Italien sogenannte Vorsorgewerte für die Mobilfunkbasisstationen eingeführt. Die Strahlenschutzkommission des Bundesumweltministeriums hat sich in ihrer Empfehlung vom September 2001 gegen die Einführung von Vorsorgewerten aber für Vorsorgemaßnahmen ausgesprochen. Diese Position hat sich die Bundesregierung zu eigen gemacht.

Dies bedeutet, dass das Ziel der Minimierung der Strahlenexposition durch die Mobilfunkbasisstationen in Deutschland durch eine Optimierung der Netzplanung erreicht werden muss. Eine möglichst geringe Exposition der Bevölkerung muss ein allgemein anerkanntes Qualitätsziel darstellen und zwar sowohl bei der Netzplanung als auch bei der Errichtung einzelner Basisstationen.

Dies ist angesichts des Aufbaus des UMTS-Netzes in den nächsten Jahren von entscheidender Bedeutung. Hier sind besonders gefordert die Netzbetreiber und die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP).

Gerade in den letzten 12 Monaten sind eine Reihe von Maßnahmen ergriffen worden, deren Zielführung sicherlich die Diskussion dieser Tagung beschäftigen wird. Hier sind insbesondere zwei Initiativen zu nennen: Die Vereinbarung zwischen den Kommunalen Spitzenverbänden und den Netzbetreibern sowie die Selbstverpflichtung der Netzbetreiber.

Deren wesentliche Aspekte sind:

Verbesserung der Kooperation mit den Kommunen durch regelmäßige Gespräche auf regionaler Ebene, Information über den regionalen Netzausbau und die Planung, Aufbau einer Standortdatenbank bei der RegTP mit Zugriffsrechten für die Kommunen sowie die Benennung eines direkten Ansprechpartners der jeweiligen Netzbetreiber für die Kommunen.

Beteiligung der Kommunen bei Errichtung neuer Sendeanlagen durch rechtzeitige Information, Berücksichtigung einer Stellungnahme durch die Kommunen, Vorschlagsrecht alternativer Standorte durch die Kommune und wenn möglich Mehrfachnutzung von Standorten. Von den Kommunen wird die Bereitstellung kommunaler Liegenschaften für neue Standorte geprüft. Es wird eine einvernehmliche Standortwahl angestrebt, die Entscheidung liegt aber nach wie vor bei den Betreibern.

Die Betreiber erklären sich bereit, im Hinblick auf die Besorgnisse in der Öffentlichkeit im Bereich von Schulen und Kindergärten bevorzugt alternative Standorte zu prüfen.

Die Betreiber werden nur Handys vertreiben, die den Empfehlungen der ICNIRP und des Europäischen Rates entsprechen. Sie unterstützen die Kennzeichnung von Handys (SAR-Werte) und drängen bei den Herstellern auf die Einführung eines Qualitätssiegels.

Die Betreiber stellen für die Forschung 8,5 Mio. Euro (anteilig) im Zeitraum von 2002 - 2005 zur Verfügung.

Über die Erfahrungen mit der Selbstverpflichtung soll jährlich ein unabhängiges Gutachten erstellt werden.

Die Selbstverpflichtung der Mobilfunkbetreiber zeigt, dass die Pflicht zur Vorsorge inzwischen auch von der Industrie anerkannt wird.

Im Rahmen dieser Selbstverpflichtung werden die Betreiber u.a. 1,5 Millionen Euro bereitstellen für regelmäßige Immissionsmessungen durch eine unabhängige Stelle. Diese Messungen dienen der Beurteilung der jeweils aktuellen Strahlenexposition der Bevölkerung und auch der Beurteilung von Veränderungen. Damit liefern sie eine wichtige Grundlage für die Verbesserung des vorsorglichen Risikomanagements. Das BfS stellt derzeit zusammen mit der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) konzeptionelle Überlegungen darüber an, wie diese Immissionsmessungen optimal geplant und durchgeführt werden können.

Ein wichtiger Aspekt ist dabei, dass alle relevanten Quellen berücksichtigt werden. Schließlich werden hochfrequente elektromagnetische Felder nicht nur von Mobilfunkbasisstationen ausgesendet - vielmehr sind sie seit der Einführung von Rundfunk und Fernsehen praktisch allgegenwärtig.

Für die häufig zu hörende Behauptung, die Felder von Radio und Fernsehen seien weniger kritisch zu betrachten als die des Mobilfunks, fehlen die wissenschaftlichen Belege.

Daher muss der Strahlenschutz neben dem Mobilfunk auch alle anderen Sendeanlagen stärker berücksichtigen, die zu einem relevanten Anteil zur Gesamtexposition der Bevölkerung beitragen.

Es gibt Orte besonders empfindlicher Nutzung. Das sind Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser und alle anderen Orte, an denen sich vor allem kleine Kinder aufhalten oder Menschen, die aufgrund von Alter oder Krankheit besonders empfindlich sind. An diesen Orten sollten aus Gründen der Vorsorge die Felder besonders gering sein. Dies muss bei der Planung von Standorten für Sendeanlagen berücksichtigt werden. Die Mobilfunkbetreiber haben sich bereit erklärt, für diese Bereiche bevorzugt alternative Standorte zu prüfen und den Kommunalverwaltungen ein Mitwirkungsrecht bei den Planungen einzuräumen.

Ich werde häufig gefragt, warum ich in diesem Zusammenhang die Kinder so sehr hervorhebe.

Ich möchte hier daran erinnern, dass es sich um Vorsorgemaßnahmen handelt, also den Schutz vor möglichen Risiken.

Kinder sind in der Entwicklung und reagieren daher auf Umwelteinflüsse häufig empfindlicher als Erwachsene und haben auf Grund ihres Alters einen langen Zeitraum eventuelle Wirkungen auszuprägen.

Ob das auch bei den Feldern des Mobilfunks der Fall ist, wissen wir (noch) nicht. Die Forderung nach einem besonders umsichtigen Umgang mit dem Mobilfunk bei Kindern entspricht dem Vorsorgegedanken.

Im Vordergrund der öffentlichen Diskussionen stehen die Basisstationen der Mobilfunknetze. Wir müssen jedoch zwischen dem Handynutzer und denjenigen unterscheiden, die den Feldern einer Basisstation ausgesetzt sind.

In der Auseinandersetzung um den Mobilfunk werden Handys als Quelle hochfrequenter Felder häufig vernachlässigt. Dabei sind sie aus Sicht des vorsorgenden Verbraucherschutzes besonders wichtig.

Durch Handys können die Nutzerinnen und Nutzer hochfrequenter Felder ausgesetzt sein, die um mehrere Größenordnungen stärker sind als die Felder durch benachbarte Basisstationen. Wissenschaftliche Untersuchungen haben bei diesen relativ hohen Intensitäten biologische Wirkungen gezeigt.

Bei der Vorsorge sind aber nicht nur die Netzbetreiber gefordert, sondern jeder Nutzer kann durch geeignetes individuelles Verhalten dazu beitragen, dass die Intensitäten, denen er ausgesetzt ist, gering bleiben. Ich habe aus diesem Grund Empfehlungen zum umsichtigen Gebrauch von Handys veröffentlicht. Diese gelten selbstverständlich in besonderem Maße für Kinder. Ziel dieser Empfehlungen ist es, die Expositionsdauer kurz und die Intensität der Felder, denen die Nutzerinnen und Nutzer ausgesetzt sind, gering zu halten. Die wichtigsten Punkte sind:

-

 

In Situationen, in denen genauso gut mit einem Festnetztelefon wie mit einem Handy telefoniert werden kann, das Festnetztelefon zu verwenden,

-

 

Telefonate per Handy kurz zu halten,

-

 

Nicht bei schlechtem Empfang zu telefonieren,

-

 

Head-Sets zu verwenden und

-

 

Handys zu verwenden, bei denen die Exposition des Nutzers möglichst gering ist. (kleiner SAR-Wert)

Der letzte Punkt ist natürlich nur sinnvoll umsetzbar, wenn die entsprechenden Werte den Verbraucherinnen und Verbrauchern zur Verfügung stehen. Für die Angabe dieser Werte auf den Handys habe ich mich seit langem eingesetzt.

Hier möchte ich in besonderer Weise an die Verantwortung der Hersteller von Mobiltelefonen appellieren. Sie sind gefordert bei der Kennzeichnung der Handys, aber noch mehr bei der Entwicklung von strahlungsärmeren Geräten.

Seit Herbst letzten Jahres werden nach Aussagen der Hersteller die entsprechenden Werte in den Gebrauchsanweisungen neuer Handys angegeben. Dies ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Allerdings ist aus meiner Sicht eine Kennzeichnung auf dem Handy selbst notwendig, da Handys von verschiedenen Personen benutzt werden.

Die Kennzeichnung der Handys und ein entsprechendes Verbraucherverhalten sollten die Hersteller anspornen, Handys zu entwickeln, die bei guter Funktionsfähigkeit die Nutzer möglichst geringen Feldintensitäten aussetzen. Die Mobilfunkbetreiber haben sich jüngst verpflichtet darauf hinzuwirken, dass die Hersteller von Mobiltelefonen Geräte mit möglichst geringem SAR-Wert auf den Markt bringen. Im Gespräch ist auch ein Umweltsiegel für strahlungsarme Handys. Dass hier jedoch noch Überzeugungsarbeit notwendig ist, konnten Sie an der ablehnenden Reaktion der Hersteller vor kurzem erfahren, als der Umweltminister die Einführung einer Kennzeichnung für strahlungsarme Handys forderte.

Information ist eine private und öffentliche Aufgabe. Die Information der Verbraucherinnen und Verbraucher ist deshalb ein wichtiger Aspekt des zweiten Punktes meines Vorsorgepaketes: Aufklärung und Information der Bevölkerung. Auch die Information der Kommunen, die in der bereits mehrfach erwähnten Selbstverpflichtung der Mobilfunkbetreiber zugesagt wurde, gehört hierzu.

Des weiteren wird die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post im Laufe dieses Jahres in einer Datenbank den Behörden vor Ort die Daten über alle genehmigten Sendeanlagen verfügbar machen. Ein Prototyp dieser Datenbank soll bis März 2002 zur Verfügung stehen.

Es geht bei der Aussendung elektromagnetischer Felder um die Veränderung unserer Lebenswelt und wer sich hierüber informieren möchte, muss m.E. die Informationen problemlos erhalten.

Konflikte sind in jedem Fall vorprogrammiert, wenn es an Transparenz mangelt - sei es vor Errichtung von Sendeanlagen oder wenn es um Felder von bestehenden Anlagen geht.

Neutrale und fundierte Informationen sind auch zu fordern, wenn es um die Aufklärung der Bevölkerung hinsichtlich des aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstandes zu möglichen und vermeintlichen Gefahren durch den Mobilfunk geht. Hier ist auch meine Behörde gefordert.

Ziel der Öffentlichkeitsarbeit des BfS ist es, den interessierten Bürgerinnen und Bürger sachliche, zielgruppengerechte Informationen zur Verfügung zu stellen und sie so in die Lage zu versetzen, sich ein fundiertes Urteil zu bilden. Es freut mich, dass das BfS sowohl von den Medien als auch von der breiten Öffentlichkeit zunehmend als objektive Informationsquelle geschätzt wird.

Wir wollen jedoch auch in diesem Bereich noch besser werden. Daher ist in dem neuen Forschungsschwerpunkt Mobilfunk, auf den ich später noch zu sprechen komme, ein Vorhaben enthalten, das die Risikokommunikation bei diesem Thema kritisch unter die Lupe nehmen und Verbesserungsvorschläge erarbeiten wird.

Die öffentliche Diskussion wird bisher von einer starken Polarisierung bestimmt. Von denjenigen, die behaupten, Mobilfunk müsse die Menschen schädigen und denjenigen, die jedes Risiko für unmöglich halten.

Wir wollen und müssen dem eine interessensgruppen-unabhängige Information entgegenstellen.

Entsprechende weitergehende Konzepte für die Öffentlichkeitsarbeit des BfS mit dem Bundesumweltministerium werden zur Zeit erarbeitet.

Als Grundlage hierfür habe ich Ende 2001 eine bundesweite repräsentative Umfrage bei Personen über 14 Jahren in Auftrag gegeben, die Ausmaß und Verteilung von Sorgen und Ängsten in der Bevölkerung wegen schädlicher Auswirkungen des Mobilfunks ermittelte.

Einige wichtige Vorabergebnisse dieser vor Kurzem abgeschlossenen Umfrage sind:

35 % der Bundesbürger (ab 14 Jahren) machen sich Sorgen wegen der elektromagnetischen Felder im Zusammenhang mit dem Mobilfunk und schnurlosen Telefonen. Dabei gilt die Sorge am häufigsten dem Handy (81 % aller Besorgten), gefolgt von den Sendeanlagen (57 %) und an dritter Stelle dem schnurlosen Festnetztelefon (37 %). Bei den 20 bis 49-Jährigen ist der Anteil der Besorgten höher, bei den Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Älteren niedriger als im Durchschnitt.

Der Verbreitungsgrad der Handys ist mittlerweile sehr hoch: 65 % der Befragten benutzen ein Handy, 36,5 % davon täglich, 63,5 % seltener.

Ich werde die Ergebnisse dieser Umfrage in Kürze veröffentlichen.

Der dritte Aspekt des Vorsorgepaketes ist die Klärung offener wissenschaftlicher Fragen durch koordinierte, zielgerichtete Forschung. Nur dadurch können die bestehenden wissenschaftlichen Unsicherheiten verringert werden.

-

 

Im Juni des vergangenen Jahres hat das BfS ein Fachgespräch unter Beteiligung von Umweltverbänden, Vertretern der Länder, der Industrie und natürlich der beteiligten Wissenschaft durchgeführt und dabei die Grundlagen für ein Forschungsprogramm im Bereich Mobilfunk erarbeitet.

-

 

Dieses Forschungsprogramm führt das BfS im Auftrag des Bundesumweltministeriums in den Jahren 2002 bis 2005 durch. Erste Maßnahmen zur Umsetzung des Programms wurden bereits ergriffen. Im laufenden Jahr werden 2,175 Millionen Euro zur Verfügung stehen, insgesamt werden es 8,5 Millionen Euro sein.

Das Forschungsprogramm hat zum Ziel, in einer koordinierten Aktion die wichtigsten, für den Strahlenschutz relevanten Fragen zur Wirkung der elektromagnetischen Felder des Mobilfunks zu klären.

Dazu gehören Fragen, die mögliche Wirkungsmechanismen für die vermuteten Wirkungen schwacher Felder betreffen.

Des weiteren sollen Berichte über Auswirkungen der Felder bei Tieren und bei Menschen im Experiment überprüft werden.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Frage nach Zusammenhängen zwischen den Feldern des Mobilfunks und der Häufigkeit von Erkrankungen und Beschwerden. Hier sollen epidemiologische Studien zur Klärung beitragen.

In diesem Zusammenhang müssen insbesondere Verfahren entwickelt werden, die eine aussagekräftige Expositionserfassung ermöglichen.

Ein besonders wichtiges Thema in diesem Forschungsprogramm ist die sogenannte "Elektrosensibilität".

Es gibt Menschen, die eine besondere Sensibilität gegenüber elektromagnetischen Feldern empfinden, die auch zu gesundheitlichen Beschwerden führt. Ein wichtiges Ziel der entsprechenden Forschungsaktivitäten ist es zu prüfen, ob sich das Phänomen Elektrosensibilität objektivieren lässt.

Es ist mir bei diesen Forschungsaktivitäten bewusst, dass wir nicht den technischen Entwicklungen hinterherhinken dürfen. Daher ist ein weiterer wichtiger Aspekt, dass die Untersuchungen auch mit den elektromagnetischen Feldern durchgeführt werden, die bei zukünftigen Anwendungen wie UMTS Verwendung finden.

Die Mobilfunkbetreiber werden ab 2002 zusätzlich 8,5 Millionen Euro für die selben Forschungsziele zur Verfügung stellen. Ich halte es für erforderlich, dass diese von den Betreibern bereitgestellten Mittel in das laufende Forschungsprogramm Mobilfunk integriert werden, sofern die Unabhängigkeit gewährleistet bleibt. Die Zusammenführung könnte wesentlich zur Effizienzsteigerung beitragen. Außerdem werde ich dafür sorgen, dass das gesamte Forschungsprogramm hohe Qualitätskriterien erfüllt und dass eine qualifizierte wissenschaftliche Begleitung unabhängig von den Mobilfunkbetreibern sichergestellt ist. Die Beteiligung von Nicht-Regierungsorganisationen ist für mich dabei ein Muss.

Lassen Sie mich zum Abschluss noch einmal die wichtigsten Punkte zusammenfassen:

Der Mobilfunk ist eine wichtige Technologie - gerade deshalb ist ein umsichtiger Umgang mit ihr notwendig.

Dabei folge ich zwei Grundsätzen:

Erstens - unnötige Expositionen müssen vermieden und unvermeidbare Expositionen so gering wie möglich gehalten werden.

Zweitens - ich lasse kontinuierlich prüfen, ob es unterhalb der Grenzwerte gesundheitliche Risiken gibt und beachte dabei alle Hinweise. Das Ergebnis der bisherigen Prüfung ist eindeutig: Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis eines Gesundheitsrisikos, vor dem die Grenzwerte nicht schützen, wohl aber Hinweise auf mögliche Risiken und Fragen, die wissenschaftlich noch nicht beantwortet werden können. Daher setze ich mich dafür ein, dass der Strahlenschutz sich im Interesse der Verbraucherinnen und Verbraucher auch möglichen Risiken stellt.

Vorsorge und Grenzwerte sind keine Gegensätze, sondern sie ergänzen einander.

Der Vorsorgegedanke ist in der Vergangenheit nicht ausreichend berücksichtigt worden. Deshalb hat das BfS ein Vorsorgepaket entwickelt, das im wesentlichen drei Bereiche umfasst:

Möglichst geringe Exposition, Aufklärung und Information der Bevölkerung und Forschung.

Vorsorge ist aber nicht nur eine öffentliche Aufgabe: Hersteller, Netzbetreiber und Nutzerinnen und Nutzer können und müssen ihren Beitrag zur Vorsorge leisten. Jeder Nutzer kann durch geeignetes Verhalten dazu beitragen, dass die Felder, denen er ausgesetzt ist, gering bleiben. Handyhersteller müssen durch Entwicklung strahlungsarmer Geräte, Kennzeichnung der Mobiltelefone und Intensivierung der Forschung auch einen bedeutenden Beitrag zur Vorsorge leisten. Aufgabe der Netzbetreiber ist es, durch eine geeignete Standortauswahl und technische Optimierungen der Sendeanlagen für eine Minimierung der Exposition zu sorgen.

Durch eine bessere Information und Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger muss mehr Transparenz hergestellt werden. Das BfS ist bei der Umsetzung der öffentlichen Maßnahmen zu einem nicht geringen Teil direkt oder indirekt beteiligt.

In der jüngsten Vergangenheit wurden zweifellos Fortschritte erzielt, doch es bleibt im Interesse der Verbraucherinnen und Verbraucher noch viel zu tun, um einen vorsorglichen Gesundheitsschutz auf Dauer sicherzustellen.

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.

 

Quelle: http://www.bfs.de/presse/aktuell/rede_p_loccum.htm

Mehr Information: Programm dieser Veranstaltung der Akademie Loccum:
"Elektrosmog" - Wie zuverlässig ist die öffentliche Vorsorge gegen die Strahlungsrisiken des Mobilfunks?

 

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Zuletzt modifiziert: 22.02.02

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